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1997

«Bedeutung nehmen» und «Sinn geben» Über die Ursprünge psychischer Krankheit

von Norman Elrod



Theoretische Ansätze aus der Säuglingspsychiatrie Daniel Sterns zum Verständnis der Psychotherapie der Schizophrenie

Vortrag gehalten am 12. September 1997, im Rahmen des 16. Symposions der Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychotherapie am Biederstein, München.

Aus Psychotherapie der Schizophrenie. Rückblick auf eine 50-jährige Arbeit als Psychoanalytiker und Supervisor in psychiatrischen Institutionen (2002), herausgegeben von Norman Elrod, Kap XX, S. 547–588.

 

 

Lernt Sprachen. Auch die nicht vorhandenen.
Stanislaw Jerzy Lec 1)

Alles, was verstanden wird, hängt von der Analyse der Bedeutungen ab.
Wilman Henry Sheldon 2)

Ich gehe davon aus, dass Sie alle, die hier versammelt sind, sich mehr als einmal mit der Frage des Ursprungs psychischer Krankheit be­fasst haben. Ja, weltweit haben Menschen sich unzählige Male gefragt, was psychische Krankheit verursacht. Dabei ist die Suche nach den Ur­sachen psychischen Leidens ebenso wichtig gewesen wie das Bemühen um die Entstehungsgeschichte psychischer Gesundheit, u.a. weil beide, psychische Gesundheit und Krankheit individuell, kollektiv und gesell­schaftlich eine zentrale Rolle im menschlichen Leben spielen.

Es scheint mir heute in unserem Kreis unnötig, unseren momentanen Wissensstand über mythologische, religiöse und philosophische Erklä­rungsversuche psychischer Krankheit wiederzugeben, diese Versuche zu beschreiben, zu analysieren und zu beurteilen. Sie wissen z.B. so gut wie ich, dass Menschen in der Antike nicht nur somatische, sondern auch psychische Krankheiten für ansteckend hielten, dass sie Massnahmen er­griffen, die psychisch Leidenden zu isolieren, um die Gemeinschaft vor Ansteckung zu schützen.

Auch nehme ich an, dass Sie mit den modernen gängigen wissen­schaftlichen Erklärungen der Ursprünge psychischer Krankheit vertraut sind. Dasselbe gilt für die postmodernen Thesen über die Sinnlosigkeit eines Suchens nach sogenannten Ursprüngen oder Ursachen.

Also, warum dann überhaupt über dieses Thema sprechen? Eine der möglichen Antworten auf diese Frage liegt für in der Psychiatrie und Psy­chotherapie Tätige nahe. Die Patientinnen und Patienten selbst und öfters auch ihre Angehörigen und intimen Bezugspersonen wollen sehr häufig wissen, woher die psychische Krankheit kommt. Dasselbe gilt für Arbeit­geber, Arbeitsämter, Krankenkassen und Invalidenversicherungen. Immer wieder sehen sich Vertreterinnen und Vertreter der Justiz genötigt, nach den Ursprüngen psychischer Krankheit zu fragen. Im Militär, wenn es darum geht, einen Menschen dienstuntauglich zu schreiben, heisst es z.B. zu klären, ob die Ursprünge einer psychischen Störung konstitutioneller und/oder neurologischer Art sind. Viele Instanzen versprechen sich mit der Angabe des Grundes für eine psychische Krankheit vor allem Infor­mationen darüber, ob eine Besserung oder Heilung in Aussicht gestellt werden kann.

Immer wieder konstellieren sich Situationen, in denen wir etwas Verständliches über die Ursprünge einer psychischen Krankheit sagen sollten, aber dazu nicht in der Lage sind, weil wir schlicht und einfach nicht über die Kenntnisse verfügen. Und doch wird eine Antwort erwar­tet, unter Umständen gefordert. Verhaltensrezepte kenne ich hier keine. Ich persönlich bin froh, dass ich kaum in die Lage komme, meine Ansicht über die Ursprünge der psychischen Krankheiten, die ich psychothera­peutisch behandle, mitteilen zu müssen.

*

Nun, im Titel meines Vortrags ist von «Bedeutung nehmen» und «Sinn geben» die Rede. Für Leute in den Humanwissenschaften, die mit der kulturhistorischen Schule vertraut sind, einer Forschergruppe, die sich aus eigener Initiative im Laufe der zwanziger Jahre in der Sowjetunion bildete und in den dreissiger Jahren vom Staat heftig kritisiert wurde, mag die Überlegung, die zur Formulierung des Vortragstitels führte, zu erraten sein.3) «Bedeutung» hier weist darauf hin, dass wir in einer gedeuteten Welt leben. Egal wo Menschen leben, bedienen sie sich einer Sprache, die u.a. als Resultat wertender Tätigkeit zu verstehen ist. Der Inhalt der sprachlichen Bedeutungen ist orts- und zeitbedingt, meist von der jewei­ligen Kultur abhängig, in gewissen Fällen vermutlich universell. Welche Bedeutung jeweils gesellschaftlich, kollektiv und individuell vorherrscht, hängt wiederum von zahllosen Faktoren ab, die mit unterschiedlichen Formen von Machtverhältnissen verbunden sind. Es sei hier an eine Stelle in Lewis Carrolls «Alice im Spiegelland» erinnert, die lautet:

«Wenn ich ein Wort verwende», sagte Hampti Dampti betont herablassend, «dann hat es zu bedeuten, was ich will – nicht mehr und nicht weniger.»
«Die Frage ist nur», sagte Alice, «ob die Wörter das bedeuten wollen, was Sie wollen?»
«Die Frage ist nur», sagte Hampti Dampti, «wer bestimmt – und das ist der, der oben sitzt!»4)

Die Bedeutungen werden uns zunächst in der Kindheit von aussen vermittelt, von den jeweils pflegenden Personen. Wie die Bedeutungen übernommen werden, darüber sind wir alle weitgehend im Bild. Die psy­chischen Tätigkeiten, die mit der individuellen Aufnahme von Bedeutun­gen zu tun haben, sind als «einverleiben», «nachahmen», «sich identifizie­ren», «verinnerlichen», «interiorisieren», «introjizieren» etc. beschrieben worden. Ja, auf diese Art und Weise wird der Mensch ein Mensch, «an­gefüllt» mit den Bedeutungen, die in seiner Ecke der Welt zirkulieren.

Das Individuum ist allerdings nicht bloss Empfänger und Vermittler von ihm anerbotenen bzw. auferzwungenen Bedeutungen. Für Lew Wy­gotski, den Organisator und führenden Kopf in der kulturhistorischen Schule, war es eminent wichtig, diesen Punkt zu unterstreichen, auch wenn das hiess, mit Nikolai Bucharin, dem Chefideologen der sowjeti­schen kommunistischen Partei in den zwanziger Jahren, nicht einverstan­den zu sein. Bucharin hatte in seinem Lehrbuch des historischen Materia­lismus geschrieben: «Wenn wir die einmalige Persönlichkeit in ihrer Ent­wicklung betrachten, stellen wir fest, dass diese im Wesentlichen wie die Haut einer kleinen Wurst ist, die mit den Einflüssen der Umgebung voll­gestopft ist.»5) Aber auch auf seinem eigenen Arbeitsgebiet, der damaligen Physiologie und Psychologie, sah sich Wygotski genötigt, Stellung gegen gewisse Positionen zu beziehen, die der damals einflussreiche Iwan Pawlow vertrat. Gegen Bucharin sowie Pawlow gerichtet, behauptete Wygotski: «Ein Mensch ist nicht im Geringsten ein Sack aus Haut, aufge­füllt mit Reflexen, und das Gehirn ist kein Hotel für eine Reihe von be­dingten Reflexen, die zufällig ein Zimmer belegen.»6)

Wygotski hätte, so denke ich, heftig gegen die Verfechterinnen und Verfechter des Strukturalismus nach dem Zweiten Weltkrieg polemisiert, die wie Michel Foucault in Guido Kalberers Vermittlung davon ausgin­gen, dass der Primat die Struktur und nicht das Subjekt sei. Auch hätte Wygotski in den sechziger Jahren Widerstand geleistet, wenn er Folgen­des über die intellektuelle Strömung in Paris erfahren hätte: «Man spricht nicht mehr vom Bewusstsein oder vom Subjekt, sondern von Regeln, von Codes, von Systemen; man sagt nicht mehr, dass der Mensch Sinn macht, sondern, dass der Sinn dem Menschen zufällt; man ist nicht mehr Exis­tentialist, sondern Strukturalist.»7) Ich vermute, Wygotski hätte eine pas­sende Antwort auf Foucaults Statement gegeben, der 1966 behauptete, «dass das, was uns im tiefsten durchdringt, was vor uns da ist, was uns in der Zeit und im Raum hält, das System ist».8)

Wygotski hielt fest am Begriff des Bewusstseins und fasste den Menschen als ein Lebewesen auf, das als Subjekt mit der Fähigkeit aus­gestattet ist, sämtliche ihm begegnende Bedeutungen «eigen-sinnig» zu beeinflussen, das als Subjekt der jeweiligen Bedeutung einen Sinn gibt, bevor es sie in dieser subjekthaften Veränderung innerpsychisch aufspei­chert oder dann eventuell ausschliesst. Zur Stütze dieser Position konnte Wygotski Resultate von Experimenten, die in seinem Moskauer Psycho­logie-Institut durchgeführt wurden, vorlegen, die belegten, dass der Mensch nicht ein den bestehenden Strukturen und gesellschaftlichen Ver­hältnissen weitgehend völlig unterworfenes Wesen sei.9)

Nun, liebe Kolleginnen und Kollegen, vor Ihnen steht kein Vertreter des Strukturalismus, auch wenn ich einiges Wertvolle von Claude Lévi-Strauss gelernt habe.10) Nein, ich schliesse mich dem Forschungsansatz von Wygotski an, der übrigens ein paar Jahre ordentliches Mitglied der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung war. Ich habe zwar kei­ne Resultate psychologischer Experimente vorzulegen, um die mit Wy­gotski gemeinsam vertretene Position zu stärken, aber ich kann Ihnen aus einer Psychotherapie berichten, in der unsere Themen «Ursprünge psychi­scher Krankheit», «Bedeutung-nehmen» und «Sinn-geben» anklingen.

*

Der Patient, von dem die Rede sein wird, heisst Erwin. Ich lernte ihn im Januar 1960 kennen und blieb sein Psychotherapeut bis Juni 1968. Die Behandlung fand stationär im Sanatorium Bellevue, Kreuzlingen statt. Zu Beginn der Therapie war Erwin 23 Jahre alt. Bereits 1950, im Alter von 14 Jahren, hatte Erwin seinen Mitmenschen gezeigt, dass er unter einem erheblichen Leidensdruck stand: Er äusserte Bakterienangst und musste sich des Öfteren die Hände waschen. Noch dazu liess er verstärkt eine be­reits vorhandene Pedanterie erkennen. Oft entdeckten Familienmitglieder Erwin in einem träumerischen Zustand, kaum auf die Umgebung achtend. Mit 15 Jahren ging es dann bei Erwin drunter und drüber. Jetzt meinte er, er habe Syphilis und könne die ganze Familie angesteckt haben. Die An­steckungsängste zwangen ihn, Verschiedenes zu kontrollieren, z.B. muss­ten die Teller oft vor seinen Augen nochmals gewaschen werden. Er wur­de psychiatrisch mit Elektroschock und Insulinschock behandelt, was kurzfristige Besserungen brachte. Meistens war er sehr ängstlich und un­ruhig. Im Sommer 1954, mit 16½ Jahren, zeigte Erwin zum dritten Mal, dass er schwerst psychisch krank war. Erregt, rastlos, übte er an allem Kritik und schien das Leben seines jüngeren Bruders zu gefährden. Die Eltern, die mit ihren vier Kindern bis 1950 in den USA gewohnt hatten und seither in ihrer Heimat Norwegen lebten, beschlossen, ihren Sohn in einem ausländischen Sanatorium unterzubringen. So wurde Erwin am 24. September 1954 in das Sanatorium Bellevue aufgenommen.

Nach dem Eintritt ins Bellevue und vor dem Beginn der Psychothe­rapie mit mir hatte Erwin bereits ein paar psychotherapeutische Behand­lungen durchgemacht. Ich habe in einer anderen Schrift von diesen Thera­pieversuchen berichtet.11)

Ich glaube, ja möchte hoffen, dass Sie im Moment genügend über die allgemeinen Umstände informiert sind, unter denen diese Psychothe­rapie stattfand – sonst können Sie in der Diskussion die eine oder andere Frage stellen.

Wenden wir uns jetzt dem Vortragsthema zu und schauen, wie es in dieser pathologischen Situation punkto Bedeutung-nehmen und Sinn-ge­ben stand. Dazu möchte ich betonen, dass in der Art von Psychotherapie, die mir am meisten einleuchtet, die jeweiligen Sinngebungen der Patien­tinnen und Patienten einen hohen Stellenwert haben. So bin ich froh, Ih­nen später im Vortrag von einer Sitzung mit Erwin zu berichten, in der er mir sagte, was seiner Meinung nach seine psychische Krankheit verur­sacht habe: Es waren gewaltige Gefühle, die gewaltigsten Gefühle der Welt, gottverfluchte Gefühle, die keinerlei Zusammenhang mit den Din­gen hatten, sinnlose Gefühle, verrückte Gefühle. Ja, das sind Erwins eigene Worte, also nicht meine Mutmassung über die Ursprünge seiner psychischen Krankheit.

In den letzten Jahren habe ich immer wieder bei Fall- und Therapie­besprechungen den Eindruck gewonnen, dass Leute, die wir als schizo­phren bezeichnen, ein relativ kompaktes Kern-Selbst besitzen und erst mit der Herausbildung des verbalen Selbst grosse Not haben.12) Im Gegen­satz dazu denke ich nach der neuerlichen Sichtung von Erwins Kranken­geschichte und dem nochmaligen Lesen von zwei Veröffentlichungen An­fang der sechziger Jahre, die William Willeford und ich damals verfass­ten und in denen Erwins Psychotherapie beschrieben und analysiert wird,13) dass Erwins psychische Pathologie sehr wohl bis ins erste Lebens­jahr zurückging, also deutlich im vorsprachlichen Bereich lag, wo Bedeu­tung-nehmen und Sinn-geben über die Gefühle oder – wenn Sie wollen – Affekte laufen, wobei die Atmosphäre, in der kommuniziert wird, einen Einfluss auf das Verständnis einer aufgenommenen Bedeutung haben kann. Ich denke an eine gespannte, vergiftete oder feindliche Stimmung usw. Den Satz «Die Atmosphäre ist mit Nervosität, mit Spannung gela­den» kennen wir gut sowie die Redewendung «Es entstand eine Atmo­sphäre von Beschaulichkeit und Behagen». Das sind mögliche Qualitäten einer Atmosphäre, in der das Geben und Nehmen von Bedeutung und Sinn stattfindet. Dazu passt aus meiner Sicht der Satz «Wie werden Seuf­zer in fremde Sprachen übersetzt?»14)

Ludwig Adolf Binswanger meinte nicht die Atmosphäre oder Stim­mung, in der Sinn und Bedeutung ausgetauscht werden, als er von der «Stimmsprache» schrieb. Er scheint an den Ton, der die Musik macht, gedacht zu haben. Die Stimmsprache ist aktuell, wenn Säugling und pfle­gende Person in Kontakt miteinander sind: «Das Kind ist … auf die Stim­me als auf eine conditio sine qua non für sein erstes Sprachverständnis angewiesen, auf einer Basis gewissermassen, von der aus es sich erst die Wortsprache echt aneignen kann.»15)

Wenn wir Erwins Erklärungen für die Entstehung seiner psychischen Krankheit ernst nehmen und sie als möglichen Hinweis auf Zustände, die bei der Herausbildung seines Kern-Selbst vorherrschten, annehmen, so scheint die pflegende Person – nach der Krankengeschichte war diese Person Erwins Mutter – ihn nicht so empfangen und verstanden zu ha­ben, dass er sich in seiner Haut wohl fühlen konnte. Die Stimmsprache fehlte. Ich stelle mir vor, dass Erwin davon ausging, eines Tages die von Binswanger beschriebene Stimmsprache hören zu können und nicht re­signierte. Immer wieder legte er Bereitschaft an den Tag, sich auf einen emotionalen Austausch mit seiner Mutter einzulassen. Nach allen mir zur Verfügung stehenden Unterlagen war es Erwins Mutter nicht möglich, ihm eine genügend gute Mütterlichkeit entgegenzubringen. Als Grund da­für sagte Erwins älterer Bruder Günther, dass seine Mutter Erwin hasste. Wie Erwin auf derartige mögliche Grundhaltungen reagierte, weiss ich natürlich nicht, aber mit seiner Erklärung für die Entstehung seiner psy­chischen Krankheit im Kopf denke ich, wie bereits erwähnt, dass er sein Bedürfnis nach mütterlicher Liebe nicht aufgab, sozusagen in der Hoff­nung, wenn nicht heute, dann vielleicht morgen.

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In Erwins damaliger Krankengeschichte des Sanatoriums Bellevue steht nirgends, dass unter seinen Eltern und seinen drei Geschwistern – einer Schwester und zwei Brüdern, wobei die Schwester Ingrid und der Bruder Günther Zwillinge waren, vier Jahre älter als Erwin – vermutet wurde, Erwin sei wegen «gewaltiger Gefühle» geisteskrank geworden. Anscheinend gab es die Annahme, Erwins unglückselige Entwicklung sei die Folge eines Unfalls, den er mit acht Jahren erlitten hatte. Damals stürzte Erwin von einem Baum, hatte blutunterlaufene Augen und blutete aus den Ohren. Er wurde ins Bett gelegt, wo er einige Tage blieb, ohne weitere alarmierende Erscheinungen zu zeigen. Bei Erwins Eintritt ins Sanatorium Bellevue im August 1954 erzählte sein älterer Bruder Gün­ther, dass es später keine Anzeichen eines organischen Traumas gegeben habe. Im Jahre 1977 starb Erwin mit 40 Jahren an einer akuten hämorrha­gischen Pneumonie der Lungenunterlappen, einer sogenannten Grippe-Pneumonie. Erwins Vater – seine Mutter war im Spätsommer 1964 ge­storben – willigte in eine Obduktion mit einer Hirnsektion ein. Bei dieser Untersuchung, die Professor R. L. Friede, damals Leiter der neuropatho­logischen Abteilung des Institutes für Pathologie der Universität Zürich, durchführte, konnte kein neuropathologischer Befund erhoben werden. Professor Friede schrieb, dass «insbesondere kein Anhaltspunkt für das Vorliegen einer frühkindlichen Hirnschädigung» vorlag. Das war für die Familienmitglieder wichtig, die, wie bereits erwähnt, bis zu Erwins Tod anscheinend auch vermutet hatten, es könnte sich bei ihm um eine perina­tale Hirnschädigung oder eine traumatische Schädigung des Nervensy­stems und somit um eine symptomatische Psychose (endogener Reak­tionstypus) gehandelt haben.

Im Grossen und Ganzen vertraten aber Erwins Familienmitglieder keine dezidierte Meinung betreffend der Ursachen seiner psychischen Krankheit. Sie hatten es in Norwegen zwar zugelassen, dass der 15-jäh­rige Erwin bei zwei verschiedenen Klinikaufenthalten mit Elektroschock und Insulinschock behandelt wurde, aber niemand in der Familie meinte meines Wissens, dass Erwins psychische Störung einen angeborenen or­ganischen Ursprung habe, so dass sie nach der wenig erfolgreichen Elek­troschock-, Insulinschock- und Psychopharmakabehandlung damals auch an eine Lobotomie hätten denken können. Nein, die Tatsache, dass Er­wins Eltern – ich vermute, Erwins Vater traf die wichtigsten Entschei­dungen – beschlossen, den psychisch kranken Sohn in einem Sanatorium unterzubringen, wo er intensiv psychotherapeutisch behandelt werden könnte, zeigt deutlich, dass sie eher hinter einer, sagen wir, vermutlich psychosomatischen Erklärung für seine Krankheit standen.

Bevor ich seine Psychotherapie im Januar 1960 aufnahm, liessen die Eltern immerhin u.a. Gaetano Benedetti und Gisela Pankow unabhängig voneinander nach Kreuzlingen kommen, um Erwin zu untersuchen und eine Prognose zu stellen. Pankow traf Erwin einige Male und war bereit, ihn in Paris zu behandeln. Die Eltern unterstützten diese Möglichkeit, der Plan konnte aber wegen Unterbringungsschwierigkeiten nicht verwirk­licht werden. Ja, und wenn wir zur Kenntnis nehmen, dass Erwin 19 Jah­re im Sanatorium Bellevue und danach etwa vier Jahre in einer anderen Klinik in der Nähe von Genf verbrachte, in Instituten, die ihre Rechnun­gen sicher nicht nach Discount-Richtlinien stellten, können wir vermuten, dass es in der Familie immer Hoffnung gab, Erwin eines Tages nach einer langen, seriös durchgeführten umfassenden psychiatrischen Behandlung entscheidend gebessert oder wieder gesund zu sehen. Ich kann auf alle Fälle vorbehaltlos mitteilen, dass der Vater, wenn immer ich während meiner 8½-jährigen Psychotherapie von Erwin (von Januar 1960 bis Juni 1968) mit ihm zusammenkam und mit ihm diskutierte, sich nie über die Länge und Kosten der Behandlung im Sanatorium beklagte. Auch tat er im Sinne eines Hilfstherapeuten alles, um seinem Sohn zu helfen. Zwar wussten, wie gesagt, Erwins Angehörige anscheinend nichts von «gewal­tigen Gefühlen» als Krankheitsursache, aber ziemlich sicher unterstützten mindestens Erwins Vater und seine beiden Zwillingsgeschwister auf ihre Art sämtliche Therapien, die ganz besonders an der Aufdeckung psychi­scher Ursprünge seines Leidens arbeiteten. Bei Erwins Mutter und sei­nem jüngeren Bruder Alf war das vermutlich nicht der Fall.

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Wenn ich das erste Blatt von Erwins Krankengeschichte im Sanato­rium Bellevue anschaue und die Diagnose lese, die Wolfgang Binswanger im August 1973, 19 Jahre nach Erwins Aufnahme in die Klinik stellte, so denke ich, dass Wolfgang Binswanger letztlich dazu neigte, einen konsti­tutionellen Ursprung bei Erwins psychischer Krankheit zu vermuten. Binswanger trug nicht einfach «chronische Schizophrenie» in die Kran­kengeschichte ein, wie das der Chefarzt der Klinik bei Genf tat, in die Erwin 1973 gebracht wurde, sondern er schrieb «chronische Schizophre­nie im Sinne der Dementia praecox». Mit dem histologischen Befund im Kopf schaue ich weiter auf diesem Blatt, ob irgend etwas über Erwins Familie steht, was Binswangers Vermutung eines erblich bedingten orga­nischen Ursprungs stützen könnte. Beim Vater finde ich keine Hinweise auf psychische Störungen. Bei der Mutter ist zu bemerken, dass sie als nervös, oft sehr unbeherrscht und unberechenbar charakterisiert wird, noch dazu sehr bestimmend. Sie galt als Hypertoniepatientin. Ein Bruder der Mutter soll unglücklich verheiratet gewesen sein, und scheinbar unter dem Einfluss von Alkohol begingen er und seine Frau Doppelselbstmord. Punkto «Nebenlinien» sind keine besondere Krankheiten bekannt.

Zusammenfassend haben wir an Hand der Unterlagen, die mir zur Verfügung stehen, keinen Grund anzunehmen, dass der Ursprung von Erwins psychischer Krankheit konstitutionell bedingt war. Wenn Wolf­gang Binswanger nach 19-jährigem Bemühen, Erwin psychiatrisch erfolg­reich behandeln zu lassen, den Schluss zog, hier liege ein Fall von früh­zeitigem Zerfall der Person vor, der organischen Charakter habe, ist das insofern verständlich als ich annehme, dass er enttäuscht war. Erwin lag ihm am Herzen. Das können wir an Hand seiner Eintragungen in der Krankengeschichte nachweisen, und ich kann es nach 8½-jähriger Zu­sammenarbeit mit ihm vorbehaltlos bestätigen.

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Übrigens, was damals meine Auffassung vom Ursprung von Erwins psychischer Krankheit betrifft, ist nichts Eindeutiges dazu zu sagen. Ich ging unbefangen an die Arbeit und blieb während der Arbeit mit ihm stets offen für alle Möglichkeiten, die mit der Verursachung seines Leidens zu tun haben könnten. Ich war ohnehin daran gewöhnt, mich immer wieder als zuverlässiges Hilfs-Ich für klinisch betrachtet hoffnungslose schizo­phrene Patientinnen und Patienten anzubieten, und hatte bereits Erfolge wie auch Misserfolge hinter mir. Zwischen mir und Erwin, ja auch sei­nem Vater, seinem Bruder Günther und seiner Schwester Ingrid, herrsch­te respektvolle Zuneigung. Ich kann mich an keine therapieimmanente Störung in der Dyade zwischen Erwin und mir erinnern. Erhebliche Stö­rungen unseres verheissungsvollen Arbeitsbündnisses kamen allerdings von aussen, worüber ich in einer anderen Schrift berichtet habe.16)

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Jetzt möchte ich mein Verständnis von Erwins Hauptproblem, den gewaltigen Gefühlen, genauer formulieren. Sie erinnern sich, dass ich zuletzt von Erwins Hoffnung «wenn nicht heute, dann vielleicht morgen» sprach. Ich ziehe heute den Schluss, dass Erwin mit dem Eintritt in die Welt des gesprochenen Wortes nach und nach eine Lebenspraxis aufbau­te, die dem Zweck diente, bei der Mutter eine Resonanz zu finden, die er in der vorsprachlichen Phase seines Lebens keineswegs erlebt hatte. Viel­leicht ist es in dieser Hinsicht wichtig zu wissen, dass Erwins jüngerer Bruder Alf, von seiner Mutter «Snookum» genannt, drei Jahre nach Erwin auf die Welt kam. Ob die Mutter in den drei Jahren vor Alfs Geburt nochmals schwanger war und wenn ja, unter welchen Umständen, ist mir nicht bekannt. Erwins Eltern könnten die Geburt der Kinder in bestimm­ten Zeitabständen geplant haben, denn die Zwillingsgeschwister waren vier Jahre älter als Erwin und Erwin drei Jahre älter als Alf. Nach den Le­bensdaten zu schliessen, befand sich Erwin bei der Herausbildung seines narrativen Selbst, als Alf geboren wurde. Normalerweise hätte Erwin zu dieser Zeit bereits ein kräftiges Kern-Selbst und ausreichend gute Erfah­rungen im Geben-und-Nehmen mit anderen gemacht. Noch dazu hätte er Freude am Sprechen und Horchen sowie Lust an der Körperpflege emp­funden. Innerpsychisch wären die Objektrepräsentanzen relativ konstant geworden. Alles in allem wären das einige der Voraussetzungen für die Selbsterfahrung, die durch verbales Phantasieren über den Stand des ei­genen Selbst zustande kommt. In dieser Phase der Herausbildung des narrativen Selbst hätte Erwin in tragbaren zwischenmenschlichen Bezie­hungen durch übenden Einsatz erfahren können, wie der Mensch öfters sehr kreativ mit Worten umgehen kann, so dass er und sein Gegenüber aneinander und am Gesagten Spass haben. Einige von Ihnen wissen viel besser als ich, wie Kinder zwischen 2½ und 4½ Jahren die ihnen vermit­telten Bedeutungen aufnehmen und sie durch ihre sinngebende Sprachtä­tigkeit neu gestalten, so dass das, was sie sagen, immer wieder nicht nur treffend, sondern auch sehr lustig ist. Wir, die Empfänger solcher Mittei­lungen, können u.a. darüber lachen, gerade weil wir gewohnte Bedeutun­gen plötzlich in einem durch die Sinngebung des Kindes veränderten neu­en Licht sehen.

Ich denke in dieser Hinsicht an Statements, die kleine Kinder über verschiedene Grundthemen der menschlichen Existenz gemacht haben, wobei ich mich auf Kornei Chukovsky, Robert Bly und Arno Gruen stütze. Zum Wert des Miteinanderseins sagte Georg, nachdem er einen Wurm mit seiner Spielzeugschaufel in zwei Teile geschnitten und von ei­ner Person, die in seiner Nähe war, gefragt wurde, warum er es getan hat: «Der Wurm war einsam. Jetzt gibt es zwei Würmer. So ist es schön für beide17) Dass ein jüngerer Bruder oder eine jüngere Schwester auftaucht, kann dem bereits lebenden Kind in der Familie ein Problem machen. Doris fragte ihre Mutter: «Oh Mama, warum hast du diesen schrecklichen Josef geboren? Es wäre besser gewesen, wenn er in deinem Bauch ge­blieben wäre und dort einsam gelebt hätte.»18) Punkto eigener Geburt frag­te das Kind seine Mutter: «Mama, wer hat mich geboren? Du? Das habe ich gewusst. Wenn Papi mich geboren hätte, hätte ich einen Schnauz.»19) Anton schnappte auf, dass wenn man Joghurt isst, bleibt man gesund und lebt länger. Er sprang zur Mutter und sagte: «Mama, jetzt weiss ich alles. Du wirst Joghurt morgens und abends essen und ich werde nichts davon nehmen. So werden wir zusammen zur selben Zeit sterben.»20) Die Kinder spielten «Dornröschen». Die Mutter des Mädchens, das Dornröschen dar­stellt, ruft es zum Abendbrot und erhält die Antwort: «Ich kann nicht kommen. Ich schlafe.» Ein Bub stellt sich vor, Schornsteinfeger zu sein. Es kommt jemand ihm entgegen und will ihn begrüssen, woraufhin das Kind sagt: «Berühren Sie mich nicht! Sie werden sich schmutzig ma­chen!» Die Tochter ruft zum Vater und sagt: «Papi, ein Käfer kam auf Besuch zu mir. Er wollte mich begrüssen und gab mir sein Pfötchen.»21) Pia schrie ihre Mutter an: «Hätte ich gewusst, wie böse du bist, wäre ich aus dem Bauch einer anderen Mami gekrochen!»22) Und Maria fragte ihre Oma: «Wirst du sterben?» Oma: «Ja, ich werde sterben.» Maria: «Wirst du in ein Loch in der Erde kommen?» Oma: «Ja, sie werden mich begra­ben.» Maria: «Tief?» Oma. «Tief.» Maria: «Wenn es so gewesen ist, kann ich deine Nähmaschine benutzen.»23) Maria und ihre Oma konnten mitein­ander ein Gespräch führen. Das war auch der Fall bei einem Mädchen und ihrer Mutter, von dem Gruen in seinem Buch über das Mitgefühl be­richtet:

Die vierjährige Zoe fragt ihre Mutter, ob sie Angelika zum Spie­len einladen dürfe. Ihre Mutter fragt: «Wer ist Angelika?» «Du kennst sie.» «Meinst du die Angelika aus der ‹Sesamstrasse›?» «Nein.» «Im Kindergarten ist auch keine Angelika. Wen meinst du also?» «Das solltest du wissen.» «Zoe, ich kann keine Gedan­ken lesen. Als du ein Baby warst und geschrien hast, da wusste ich, dass ich dich wickeln oder füttern oder ins Bett legen muss. Aber jetzt denkst du dir was, und deine Gedanken kann ich lei­der nicht lesen.» Nach einer kurzen Pause erwidert Zoe: «Du meinst, wenn ich mich jetzt auf den Boden werfe und rumkrei­sche wie ein Baby, dann wirst du wissen, wer Angelika ist?»24)

Ein weiteres Beispiel von der Bereitschaft zum Dialogisieren bei Kindern zwischen zwei und fünf ist das folgende: Bettys Mutter fragte ihre Tochter, warum sie beim Tischdecken dem Gast Herrn Weiss kein Messer und keine Gabel aufgelegt hat. Betty antwortete: «Ich dachte, er braucht sie nicht. Daddy sagt, er frisst wie ein Schwein.»25) Daddy wurde auch gefragt, ob das Messer der Mann der Gabel sei und ob er als Kind ein Bub oder ein Mädchen gewesen war.26) Daddy musste allerhand be­gründen. Das realisierte seine Tochter, die zur Mutter sagte: «Ich bin eine Warum-erin, Daddy ein Weil-er.»27) Ein anderes Mädchen spielte mit einem Pferd aus Holz, befestigte einen Schwanz auf seinem Hintern und flüsterte: «Das Pferd hat sich einen Schwanz angezogen und ging spazie­ren.» Seine Mutter unterbrach das Spiel und sagte: «Pferde ziehen sich keine Schwänze an, sie haben einfach einen.» Das Mädchen erwiderte: «Du dumme Kuh, ich spiele nur!»28)

Ich vermute, dass Erwin zwischen zwei und fünf Jahren weder mit seiner Mutter noch mit seinem Vater auf die Art und Weise umgehen konnte, wie Bly, Chukovsky und Gruen das Verhalten der Kinder in die­sem Alter beschreiben. Aus seiner Krankengeschichte im Sanatorium Bellevue schliesse ich, dass sich Erwins Mutter ganz extrem dem neuge­borenen Alf zuwandte, der zum Sonnenkind wurde, ungewöhnlich begabt und nach den Angaben von Erwins Bruder Günther in allem sehr glück­lich.

Erwin trat, so male ich mir das aus, in die Schule mit zwei grossen Defiziten ein. Weder hatte er im vorverbalen Stadium seines Lebens aus­reichend aufbauende Erfahrungen im emotionalen Austausch machen können noch war es ihm vergönnt gewesen, in den ersten zwei Stadien seines Lebens als Empfänger und Sender von Bedeutung und Sinn eine Mutter zu haben, die gerne mit ihm kommunizierte. Erwins Vater hinge­gen trat nach Aussagen von Günther bereitwillig ins Gespräch mit Erwin ein, nur war er sehr nüchtern, selbstbeherrscht und noch dazu wenig zu Hause, weil er wegen seiner hohen Stellung in der Firma, in der er arbei­tete, unzählige Verpflichtungen zu erfüllen hatte. Immerhin scheint aber der Vater nach Wolfgang Binswangers Beschreibung seiner Persönlich­keit einen entwicklungsfördernden Einfluss auf Erwin gehabt zu haben. Günther erwähnte, dass Erwin sich immer gut mit dem Vater stellte. Aber eben, der Vater konnte Erwin vermutlich nicht den lockeren, spieleri­schen Austausch bieten, der das Fühlen von Dir und Mir sowie das Spü­ren und Merken von Freude am Spenden zusammen mit Erfahrungen des simplen Glücklich-auf-der-Welt-Seins ermöglicht. Ja, der Vater konnte Erwin in der Kindheit vermutlich nicht dazu bringen, satt und selig zu sein; ganz sicher gelang ihm das im späteren Leben nicht, als ich seine Interaktionen mit dem erwachsenen Erwin beobachten konnte. Erwin – so lautete eine meiner Arbeitshypothesen – wartete weiterhin auf Godot in der Gestalt seiner Mutter, also wenn nicht heute, dann vielleicht mor­gen!

Nach der soeben skizzierten Kindheit kann es uns nicht überraschen, wenn wir aus Erwins Krankengeschichte entnehmen, dass er mit fünf und sechs Jahren auffallend ängstlich und unsicher wirkte. Dennoch wollte er ankommen, mit seinen Zwillingsgeschwistern mithalten, die bereits mit fünf Jahren schwimmen konnten. Ja, ich vermute, Erwin ging davon aus, dass, wenn er mithielte, sich in der Schule auszeichnete, seine Mutter merken würde, was für ein Kerl er war, welch ein liebenswertes Kind. Also wurde er zum «Krampfer» und galt als einer der Stärksten in seiner Klasse, beliebt bei den Lehrern. Aber trotz seiner Bravheit, Folgsamkeit und Nachgiebigkeit scheint er die Sympathie seiner Mutter nicht gewon­nen zu haben.

Günther berichtete, dass er und seine Schwester Mitleid mit Erwin empfanden. Von Jahr zu Jahr wurde die Verwöhnung von Alf auf Kosten von Erwin immer krasser, bis Ingrid es nicht mehr aushalten konnte und sich bei der Mutter beklagte. Erwins Mutter soll auf diese Kritik erstaunt reagiert haben und wollte in keiner Weise ihrer Tochter recht geben. Günther meinte, Sie haben es bereits vorhin gehört, die Mutter hasste Erwin.

Auf alle Fälle soll Erwin bis zu den ersten Anzeichen seiner begin­nenden schizophrenen Erkrankung mit 13 Jahren kaum mit Menschen ausserhalb der Familie in Interaktionen gestanden haben, in denen er Be­deutung nehmen und Sinn geben hätte spielerisch üben können. Es war, wie wenn er auf eigene Faust die Individualitätsform eines grossen Kön­ners anstrebte, um vielleicht dadurch der Mutter Anlass zu geben, sich ihm zuzuwenden. Jedenfalls war Erwin in der Zeit zwischen sechs und dreizehn auf Leistung erpicht, auf Erfolg bei der Bewältigung seiner Schulaufgaben. Günther erzählte: «Wenn die Familie spazieren ging, ent­schuldigte sich Erwin mit Schulaufgaben.»

*

Bisher, liebe Kolleginnen und Kollegen, habe ich versucht, Sie mit Erwin so vertraut zu machen, wie wir ihn aus seiner Krankengeschichte im Sanatorium Bellevue kennen lernen können. Jetzt möchte ich Ihnen ei­ne Art Einwegspiegel zur Verfügung stellen, durch die Sie Erwins dama­lige Therapie mit mir beobachten können. Zusammen mit meinem Kolle­gen William Willeford habe ich bereits zwei Mitteilungen darüber ge­macht. Diese wurden in der ersten Hälfte der 60er Jahre geschrieben und veröffentlicht.29) Unter Benutzung dieser Aufzeichnungen werden Sie von mir hören, wie es zwischen Erwin und mir hin und her ging, wie ich ver­suchte, ihm die psychischen Werkzeuge zu vermitteln, die Menschen brauchen, um auf relativ gesunde Art und Weise zu kommunizieren. Aus heutiger Sicht wollte ich damals Bedeutung-nehmen und Sinn-geben ein­fach schwingen lassen, so dass Erwin die eine oder andere ihm zugespiel­te Bedeutung mutig aufnehmen und sinngebend behandeln könne. Ob und welche mit Sinn verliehenen Inhalte er aufspeichern und/oder in neuer Form zurückgeben wollte, das sollte ihm überlassen bleiben.

Wir haben von Erwins Wunsch, im Leben voranzukommen, von sei­nem Streben nach Erfolg gehört. In einer Therapiestunde (übrigens alle hier erwähnten Stunden fanden etwa in den ersten zwei Jahren unseres Zusammenseins statt) beschloss Erwin, Notizen zu machen. Er bemerkte hierzu, dass ihm das vielleicht helfen würde, voranzukommen. Papier und Bleistift in der Hand nahm er eine seriöse, aufmerksame Haltung ein und begann zu schreiben. Aber er schrieb keine Worte auf das Papier, son­dern Noten. Erwin und der Therapeut fingen darüber zu lachen an.

Willeford und ich dachten, dass die Noten, die Erwin geschrieben hatte, eine Parodie auf jene Art des Fortschritts darstellten, die er gerade durch die Beziehung mit dem Therapeuten zu erreichen hoffte. Erwin schrieb die Noten auf unliniertes Papier, ohne zuerst den Schlüssel anzu­geben oder den Wert der Noten zu bestimmen oder gar Takte einzutra­gen. Die «Progression» der Noten hatte überhaupt keinen Zusammenhang mit den üblichen musikalischen Zeichen. Erwin war weder imstande, No­tizen zu machen noch Noten zu schreiben, die von anderen Personen ge­lesen und verstanden werden konnten. Seine Noten ergaben das Bild ei­nes Fortschritts, einer Progression, die ins Leere lief. Sie drückten die Frage aus: Wie kann das, was wir zusammen unternehmen, irgendwohin führen?

Unser Thema heute betreffend, denke ich, dass Erwin das zustande­brachte, was ich in möglichen Interaktionen zwischen dem Kind und sei­ner Vertrauensperson bei der Herausbildung des narrativen Selbst ange­deutet habe. Hier spielte Erwin mit einer gängigen Bedeutung, d.h. mit der selbstverständlichen Art und Weise, Notizen zu machen. Er zeigte, dass er schon wusste, wie man Notizen aufschreibt. In dieser Hinsicht also hatte er die gängige Bedeutung nicht verändert. Aber er überraschte mit aufgeschriebenen Noten und nicht Worten. Und beide lachten. Ich meine, es ging Erwin in dieser Interaktion um den lustbringenden Aus­tauschprozess und nicht wie in der Schule um die Erbringung eines von der Lehrkraft geforderten bestimmten Ergebnisses, das mit einer «Note» in üblicher Bedeutung bewertet wird. Ich vermute, er fühlte sich verstan­den, als er mit seinem Psychotherapeuten zusammen lachte. Denn mit dem Aufschreiben der Noten war Erwin mit Musik beschäftigt, und das war seinem Therapeuten schon recht, denn in den Worten Shakespeares

Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist,
Spielt weiter! 30)

Nachdem Erwin zusammen mit dem Therapeuten über die Noten ge­lacht hatte, mit denen er die Art von Fortschritt parodiert hatte, die er durch die Beziehung verwirklichen wollte, fuhr er zu schreiben fort: «Ich mag Sie Sie mögen mich ich mag Sie Sie mögen mich Was werden Sie mir heute erzählen? Über Alice im Wunderland? Über den bestialischen Riesen in ‹Jack und die Bohnenranke›?»

Willeford und Erwins Psychotherapeut meinten dazu Folgendes: Im Gegensatz zu den Noten, die den Therapeuten nicht überraschten, als er begriff, was Erwin machte, erstaunte ihn diese Fortsetzung der Interak­tion. Was die Noten angeht, hatte der Therapeut häufig selber angenom­men, dass ihre Beziehung nirgendwohin führen könnte. Auch war er nicht immer sicher, ob der Patient ihn wirklich als Partner wollte. Aber in dem, was der Patient nun schrieb, wobei er jegliche Interpunktion wegliess, war angedeutet, dass Erwin so sehr mit dem Therapeuten verbunden war, dass nicht einmal Kommata oder Punkte sie trennen konnten. Erwin aner­kannte die Tatsache einer Beziehung, die durch Verbundenheit auffiel. Und ihre Dauer? Seine Formulierung «Ich mag Sie Sie mögen mich ich mag Sie Sie mögen mich» tönt wie ein Band, das sich bis in alle Ewigkeit fortsetzt. Wir stehen einer Bewegung gegenüber, die offensichtlich kein «realistisches» Ziel kennt. Die Form der Wiederholung führt jedoch zu Gedanken an eine Art von Bewegung, die eher für die Erfahrung des Kindes in der Märchensituation charakteristisch ist. Ähnlich wie das Kind wünschte Erwin bloss, dass man ihm über die Welt erzähle; er war nicht so weit erwachsen, dass er auf einer «realistischen» Basis in die Welt ein­treten konnte. Auch war die Welt, mit der er vertraut werden wollte, nicht diejenige des alltäglichen Lebens. Es war eine Art von Märchenwelt, die sich von Alices Abenteuern im Wunderland unter der Erde bis zu den Himmelshöhen erstreckt, zu denen die Bohnenranke hinaufreicht. Aber selbst hier wünschte Erwin von einer besonderen Art von Welt zu hören, von einer besonderen Art von Märchenwelt. Im englischen Volksmärchen «Jack und die Bohnenranke» geht es u.a. um einen Jungen, der zunächst seiner Mutter und dann seinem Vater praktisch das Leben rettet, nicht durch Selbstaufopferung wie bei Erwin, sondern durch die Überwindung des Bösen in der Gestalt eines Riesen. Auf diesem Hintergrund hätte Er­wins Formulierung bedeuten können, dass er den Wunsch spürte, in einer auf Ewigkeit ausgerichteten Beziehung mit dem Therapeuten zu reifen, wie die Bohnenranke im Märchen in die Höhe zu wachsen und aufrecht im Leben zu stehen. Ferner schien Erwin die Möglichkeit zu ahnen, dass aus ihm etwas werden könnte, an das bisher niemand hätte denken mögen – das Heldenkind Jack, ein Bub, der eine Zeitlang seiner Mutter grosse Sorgen macht, zuletzt aber sowohl ihr als auch seinem Vater grosse Freu­de bereitet. Das Heldenkind Jack im Volksmärchen bekommt allerdings wiederholt handfeste Hilfe von einer Frau, der Gattin des Riesen. Ande­rerseits hilft Jack dieser Frau entscheidend, indem seine Bezwingung des Riesen sie von der Tyrannei ihres Ehemannes befreit. Auch leistet das Heldenkind Jack seinem Vater dadurch einen unermesslichen Dienst, dass es nicht nur die Wiedervereinigung von Mann und Frau, der Eltern, ermöglicht, sondern auch den Vater mit seiner Muse in Form einer sin­genden Harfe wieder in Kontakt bringt.31)

Der erste Teil der Aussage Erwins «Ich mag Sie Sie mögen mich ich mag Sie Sie mögen mich» erinnerte Willeford und mich an frühere Be­merkungen Erwins wie z. B. «Ich mache Sie verrückt. Sie machen mich verrückt.» Jetzt wünschte aber Erwin anscheinend darüber hinaus, dass die Beziehung nicht bloss in diesem geschlossenen Kreis bleibt, dass et­was geschieht, dass er «fortschreitet», aus dem Zellenbau austritt, hoch­kommt. Und so fragte er: «Was werden Sie mir heute erzählen?» Er wen­dete sich also an den Therapeuten wie ein Kind an seine Eltern; er bat, der Therapeut möge ihm über die menschliche Existenz erzählen, er möge ihn führen und begleiten bei seinen Bemühungen, die unheimliche Welt zu verstehen. So getragen, könne er lernen, was zu tun sei, wenn er wie Jack plötzlich vor einer himmelhohen Bohnenranke stehen sollte, die über Nacht aus einer scheinbar wertlosen Bohne emporgeschossen ist. Jack im Märchen wusste, was tun, und wurde ein Held.

Harold Searles schreibt, dass «unter einer tragischen Maske» im Ver­halten des Patienten und des Therapeuten ein «Anteil von Spielfreude» steckt. Er ist der Ansicht, dass dieser Aspekt der Beziehung «unerkannt bleiben … kann, wenn der Therapeut sich zu sehr von seiner Verantwor­tung belastet fühlt, dem Patienten zur Lösung seiner tragisch ernsten Schwierigkeiten zu helfen». Wenn sich der Therapeut «klarmacht, dass ein Teil der Tragödie in eben der Tatsache liegt, dass der Patient und sei­ne Mutter selten unbelastet genug waren, um realiter und bewusst mitein­ander spielen zu können», dass in der «ach so verzweifelt ambivalenten und komplexen Beziehung zwischen Mutter und Kind … ein Element von echt lustvoller, wenn auch beiderseits verleugneter Spielfreude steckt …, so wird es für den Therapeuten einsichtiger und verständlicher, dass diese verleugnete Spielfreude … fortbesteht».32)

Die von Searles erwähnte Spielfreude geht aus den hier gebrachten Beispielen eindeutig hervor, wenn es auch den Anschein hat, als ob der Therapeut und der Patient in ihrem Spiel eher eine komische als eine tra­gische Maske anlegten. Vielleicht handelten sie so, weil sie im Moment nur vorgaben, einen Ausweg aus ihrer misslichen Lage zu sehen. Gleich­zeitig beschworen sie in ihrem Spiel die Verrücktheit ihrer Situation her­auf, indem sie sagten: «Da ist ein Ausweg!», wo sie eigentlich keinen sa­hen.

Die Spielfreude, von der Searles schreibt und die Willeford und ich in unserer Arbeit mit schwer chronisch schizophrenen Patientinnen und Patienten erlebten, manifestiert sich, so denke ich heute, auf der Gefühls- und Affektebene in einem verbalen und verhaltensmässigen Austausch, einem Transfer von Bedeutung und Sinn: Erwin übernahm von mir die Schreibtätigkeit – der Therapeut machte sich während der Sitzung Noti­zen, also brachte auch der Patient während der Sitzung etwas zu Papier. Der Bedeutung des Schreibens gab Erwin dann aber einen anderen Sinn  – statt Worte schrieb er Noten – eine völlig unerwartete Umwandlung, die beim Therapeuten sowie beim Patienten Spass an der Interaktion aus­löste – sie lachten. Strukturell gesehen und von der Erlebensqualität her, hatte Erwin ähnliches wohl kaum oder überhaupt nicht in der Phase sei­nes Lebens zwischen 6 und 12 Monaten und 2½ bis 4½ Jahren erfahren. Einmal in einer Therapiestunde beschrieb er, denke ich, welchen Lauf sein Leben nahm, weil ihm in der Kindheit die Gegenseitigkeit mit seiner Mutter fehlte.

«Bis jetzt kam alles immer zu mir herein, aber es ging nie hin­aus. Es kam immer herein, es passierte sonst gar nichts. Unter diesen Umständen konnte überhaupt nichts anderes geschehen.» «Warum?» «Schauen wir meine Kindheit an. Eingeschlossen hin­ter dem Gartenzaun, konnte ich nie hinausgehen und ein Mäd­chen kennen lernen; deshalb kriegte ich Angst vor seiner Schei­de. Das Schamhaar ölig, fettig und anekelnd wie Kot. Das Mäd­chen nahm nie den Kot, den ich fallen liess in seine Hand, auch ass es ihn nicht. Dies machte mich unfähig, mich der Frau zu nä­hern. Ich wagte nicht, sie zu ficken, weil sie mich nicht in sich aufgenommen hat; sie unterliess die Handlung, die ich nötig hat­te. Ich brauchte ihre Freundschaft sehr.»

Nach meinem Verständnis sagte Erwin hier klar und deutlich, dass er wegen einer fundamentalen Störung beim Geben-und-Nehmen mit seiner Mutter nicht die Fähigkeit entwickeln konnte, mit Personen ausserhalb des Familienkreises in Kontakt zu treten. Einerseits steht die Frau, die Er­win «das Mädchen» nannte, für seine Mutter, andererseits bedeutete sie – so meine ich – die Frau jenseits der kontaminierten Beziehung mit seiner Mutter. In unserer heutigen Ausdrucksweise würde sich Erwin als ein Le­bewesen beschreiben, das nur allgemeine Bedeutungen aufnahm, nie oder selten aber sinngebendes Tun erlebte, das die Spuren eines kohärenten, einmaligen, unaustauschbaren Subjekts hinterlässt. Für mich drückte Erwin unmissverständlich aus, dass er wusste, warum er in der aller­schlimmsten Statik gefangen blieb, wobei ich nicht behaupten möchte, er selbst habe mit dieser Erkenntnis etwas anfangen können. Nein, der Auf­bau seines Kern-Selbst, seiner Person als Subjekt, war erst im Tun, ein Prozess, den der Psychotherapeut nicht zuletzt dadurch begünstigte, dass er die beschriebene grauenhafte Kindheitssituation ernstnahm, die Erwin immerhin überlebt hatte. Der Psychotherapeut schaute genau hin, was Er­win mit seinen Worten fallen liess und nahm es in die Hand. Für die einen war es Kot, Scheisse bzw. Irr-sinn, Wahn-sinn, Un-sinn, für den Psycho­therapeuten war es ein Produkt von Erwins psychosomatischem Tätigsein in unserer Welt, ein Resultat seines Sinnverleihens an Bedeutungen, die er aus dem Verkehr mit seinen Mitmenschen aufgenommen hatte.

Selbst wenn es echte Scheisse und nicht nur Worte gewesen wären? Will jemand argumentieren, dass die erste Art der Ausscheidung an sich wertvoller ist als die zweite? Lebensnotwendiger sicher nicht.33) Also wenn es zwischen Erwin und seinem Psychotherapeuten um wirkliche Scheisse gegangen wäre, hätte der Therapeut, möchte ich aus dem Blick­winkel von heute meinen, an Interaktionen mit einem Säugling gedacht, der sich ab etwa dem fünften Monat als ein Tätigkeitszentrum erlebt, das Stoffliches von sich gibt, sein «Mein» in der Form von Scheisse ausstösst. Unter anderem kann der Säugling so die Herausbildung seines Kern-Selbst konkret erleben, ja, sehen, riechen, betasten, was es ist und her­vorbringt. Das kleine Kind kann allerdings mittel- und langfristig mit sei­nem Produkt Scheisse nicht im eigenen Interesse umgehen. Es braucht eine pflegende Person, die es aufnimmt, wäscht, abtrocknet und je nach Kultur und Klima fertig macht, z.B. bei uns eincremt und/oder einpudert und danach anzieht. Natürlich ist es dabei äusserst wichtig, dass die pfle­gende Person die analen Bedürfnisse des Säuglings einigermassen adä­quat versteht, denn davon hängt die Herausbildung eines gesunden sub­jektiven Selbst stark ab. – So ungefähr hätte Erwins Therapeut wohl ge­dacht, wenn es in der Therapie tatsächlich um Scheisse gegangen wäre.

Erwin gab mir damals zu verstehen, dass solche Reflexionen seiner Mutter fern lagen. Sie räumte für ihn in ihrer Psyche keinen Platz ein. Es bestand stets eine Barriere zwischen ihr und ihm (er erwähnte im zitierten Text einen Gartenzaun). So entwickelte Erwin, wie Erik Erikson es ver­mutet hätte, nicht Urvertrauen, sondern Angst, Angst ausgerechnet vor der Person, die schicksalshaft die Aufgabe bekommen hatte, ihn zu pfle­gen, Angst vor seiner Mutter (Angst vor der Scheide des Mädchens). Und so erlebte Erwin ausgerechnet die Stelle der Frau, an der ihr Pro­dukt, das Kind, zur Welt kommt, als abscheulich (Das Schamhaar ölig, fettig und anekelnd wie Kot). Von seiner Mutter nicht als freudebringen­des Resultat eines neunmonatigen Arbeitseinsatzes empfangen, gab sein Gefühl Erwin zu verstehen, dass es nicht erlaubt sei, sich seiner Mutter anzunähern (ich wagte nicht, sie zu ficken, weil sie mich nicht in sich auf­genommen hat). Geborgenheit suchen in der Mutter hätte Vergewalti­gungscharakter gehabt; und Erwin wollte seine Mutter nicht zu einer Handlung nötigen, die nicht von Herzen kam. Er brauchte allerdings drin­gend ihren liebevollen Empfang auf Erden (Ich brauchte ihre Freund­schaft sehr), musste aber realisieren, dass die Mutter ihn noch nicht als liebenswerten Menschen in ihre Psyche eingelassen hatte (sie unterliess die Handlung, die ich nötig hatte). Aber Erwin lebte weiter in der Hoff­nung, wenn nicht heute, dann vielleicht morgen.34)

In der ersten Hälfte seiner Psychotherapie mit mir gab es hin und wieder ein «Morgen», eine Situation, in der es Erwin möglich wurde, sein – in Donald Winnicotts 35) Sinn – wahres Selbst zu erleben und sich mir während dieser Selbsterfahrung zu präsentieren. Es war relativ bald nach den ersten Zusammenkünften, dass Erwin ein Erlebnis beschrieb, das ihn beim Aufwachen erschüttert hatte. Seine Schilderung deutete in den aller­elementarsten Bildern und Formulierungen an, was er später als «das wirkliche Leben» bezeichnete. In diesem Augenblick schien Erwin an das «wirkliche Leben» zu glauben. Er schrieb darüber wie folgt:

Er küsste meine Warzen, und Liebe berührte die Rundungen meiner Brüste. Sie werden immer runder, je mehr Du sie be­rührst. Ich bin dieser «er». Als ich das Gefühl heute morgen empfand, fühlte ich die Anwesenheit einer Frau. Aber ich war auch diese Frau. Diese Frau war ein wirklicher Leib vor mir, weil die Gefühle, die aus ihr herauskamen, meine waren – aber ruhig und auch ein Teil der Frau. Das macht mich glücklich. Warum? Weil ich dann nicht bloss mich selber besame, und das ist der springende Punkt zum Gesundwerden.

Ich meine, dass Erwin die Mütterlichkeit, die sein Psychotherapeut ihm anbot, zur Zeit dieses Erlebnisses aufgenommen hatte und auf sich wirken liess. So konnte er im Arbeitsbündnis mit dem Therapeuten, im aktuellen liebenden Miteinandersein, etwas Ähnliches erleben wie das, was im vorverbalen Bereich des menschlichen Seins, vermutlich ab der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres stattfindet.

Jetzt möchte ich Ihnen ein Beispiel aus Erwins Psychotherapie vor­legen, bei dem sich die Dialektik von Bedeutung-nehmen und Sinn-geben nicht vorwiegend auf einer Gefühls- bzw. Affektebene abspielt. Ich den­ke an eine Interaktion, bei der es wichtig war, den sprachlichen Aus­tausch zu verstehen. Willeford und ich berichteten wie folgt über diese Interaktion:

[Erwin sagte plötzlich zu seinem Therapeuten:] «Ich stelle Ihnen neun oder zehn Fragen, aber Sie geben mir keine Antwort, Sie sagen kein einziges Wort. Dann vielleicht gähne ich oder ich huste oder rülpse, vielleicht frage ich nur ‹Was?›, und Sie zeigen Interesse dafür und fragen, ‹Könnten Sie das entwickeln?› oder ‹Ich habe nicht genau verstanden, was meinen Sie damit?› oder ‹Wie ist das zu verstehen?›. Aber das ist ja lächerlich! Ich glau­be, Sie sind noch viel verrückter als ich!» Der Patient lacht, und der Therapeut lacht mit.

Willeford und ich meinten damals, Erwin glaube, sich auf einer ver­geblichen Suche nach Sinn zu befinden; er stellte «neun oder zehn Fra­gen», die der Therapeut entweder nicht beantworten konnte oder wollte. Sobald aber der Patient etwas anscheinend Alltägliches tat, etwas, dem er selbst keinen besonderen Sinn beimass, wie Gähnen, Husten oder Rülp­sen, fragte ihn der Therapeut, ob er ihm das nicht erklären könne. Dies aber machte ihre Beziehung und die Möglichkeit einer Entwicklung in­nerhalb derselben lächerlich! Einerseits bat der Therapeut darum, Vor­gängen, die für Erwin keinen Sinn hatten, Sinn zu verleihen. Wenn ande­rerseits der Patient Fragen stellte, um den Sinn von etwas zu ergründen, antwortete ihm der Therapeut nicht. Wo war dann die Grundlage ihres gemeinsamen Unternehmens? 36)

Aber selbst wenn es dem Patienten und dem Therapeuten in diesem Fall bis zu einem gewissen Grade hätte gelingen können zu akzeptieren, dass sie auf gemeinsamem Boden standen, blieb noch immer das Problem des «Wohin gehen wir von hier aus?»

Willeford und ich berichteten noch von einer weiteren Sitzung, in der die Dialektik von Bedeutung-nehmen und Sinn-geben im Vordergrund stand. Es war die Sitzung, in der Erwin von seinen gewaltigen Gefühlen sprach. Willeford und ich schrieben: Erwin war, wie schon früher er­wähnt, in eine rastlose Suche nach Sinn verwickelt, ein Unterfangen, das seiner Meinung nach vom Therapeuten nicht gefördert wurde. Eines Ta­ges platzte er in das Sprechzimmer des Therapeuten hinein, um die ge­wohnte Therapiestunde zu haben. Er war sehr aufgeregt, ging im Zimmer auf und ab und beklagte sich sarkastisch: «Ich habe genug von diesem Geschwätz. Ich mache überhaupt keine Fortschritte. Vor sechs Wochen sagten Sie, es hätte den Anschein, als ob ich in eine neue Phase eintreten würde. Aber wo bleibt diese? Sie ist nirgends zu sehen. Ich bin noch im­mer der Gleiche. Bemerken Sie nicht, dass ich gewaltige Gefühle habe …, die gewaltigsten Gefühle der Welt! Diese gottverfluchten Gefühle haben keinerlei Zusammenhang mit den Dingen und sind die Ursache meines Leidens. Es sind sinnlose Gefühle, es sind verrückte Gefühle!» Erwin begann danach von anderen Dingen zu reden, aber er blieb erregt. Nach ungefähr 10 Minuten, als er sich wieder über das Verhalten des Thera­peuten beklagte, wollte dieser die Tatsache erwähnen, dass er von Erwin zum ersten Mal von dessen Gefühlen gehört habe, ja, überhaupt das Wort «Gefühl» zum ersten Mal aus Erwins Munde vernommen habe. Dement­sprechend blickte der Therapeut den Patienten ernst an und sagte: «Darf ich darauf hinweisen, dass diese neue Phase bereits begonnen hat? Sie …» Bevor der Therapeut aber seinen Satz fortführen konnte, fiel Erwin ihm ins Wort: «Nein, hören Sie auf! Sagen Sie mir nicht die Wahrheit! Sie könnten mich erschrecken! Heitern Sie mich lieber auf.» Der Therapeut war wie betäubt und nur imstande zu sagen: «Ach …» Hilflos liess er sich in seinen Stuhl zurückfallen: «Sie haben mich wieder untergekriegt», mur­melte der Therapeut. Darauf kam es triumphierend von Erwin zurück: «Ach, so heruntergedrückt sind Sie nun auch nicht. Ich war viel ärger dran.» Es folgte eine Pause von einigen Sekunden, dann sagte der Thera­peut, nachdem er wieder Kräfte gesammelt hatte: «In Ordnung, mein Jun­ge, ich werde …» «Bitte, nicht das!» rief Erwin. «Nennen Sie mich nicht so! Das tut weh! Ich habe Komplexe.» «Ich verstehe», sagte der Thera­peut. «Ach, jetzt sind wir beide heruntergedrückt», fuhr Erwin fort. Dann brüllte er: «Sie sind total verrückt, Sie machen mich verrückt!» Daraufhin fingen beide schallend zu lachen an. Erwin meinte begeistert: «Das ist ja toll! Ich wette, Sie lieben meine Stunden. Jetzt müssen wir uns wieder aufrichten.»

Ich denke heute, um mit Erwin zu kommunizieren, hatte ich so oft wie möglich für seine Sinngebungen empfänglich zu sein, für seine Aus­legung der Welt um sich und in sich. Insofern war ich nicht nur Bedeu­tung nehmend, wie das z.B. Frieda Fromm-Reichmann für bestimmte Aussagen von schizophrenen Patienten und Patientinnen nachgewiesen hatte, die einen tiefen Wahrheitsgehalt zeigen, sondern auch Sinn neh­mend, ein Mitmensch von Erwin, der dessen ver-rücktes Verständnis von sich, von mir und von seiner Lage überhaupt aufnahm. Bei der Verarbei­tung dieser Mitteilungen, die gestischer, mimischer, sprachlicher und averbal-gefühlsmässiger Art waren, meinte ich Informationen über die schizophrene Situation 37) zu erhalten, die Erkenntniswert und damit Be­deutungscharakter hatten. Aus diesem Blickwinkel hatte mir Erwin Aus­kunft darüber gegeben, wie er das eine oder andere verstand; er liess mich an einem Stück seiner sinngebenden Tätigkeit teilhaben. Da er da­bei immer wieder etwas, wie mir schien, Allgemeingültiges über die schi­zophrene Situation sagte und somit als Vermittler von Einsichten in diese Leidenslage wirkte, fungierte ich als Empfänger von Sinn und Bedeutung aus seinem Mund.

Bei diesem Umgang mit Erwins Bildern und Worten ereignete sich sehr wohl ein liebendes Miteinandersein, aber in einer Sprache, die auch Erwin bestimmte. Die offensichtliche Bedeutung eines jeweils weiterge­gebenen Inhaltes schien allerdings öfters im Widerspruch zu einem ver­borgenen Anliegen zu stehen. Insofern war auch immer wieder Unter­drückung das Gesprächsthema und nicht Zusammenarbeit. Darüber hin­aus bekam der Therapeut zu hören, dass er in seiner eigenen Verrücktheit nichts Besseres wusste, als Erwin verrückt zu machen.<

Es ist, hoffe ich, evident geworden, wie Erwin und sein Therapeut ausgerechnet in der Therapiestunde, in der Erwin zum ersten Mal von den gewaltigen Gefühlen, die ihn geisteskrank gemacht hatten, sprach, spielerisch miteinander verkehrten. Erst am Ende, ja, nachdem Erwin seinen Therapeuten «untergekriegt» hatte, konnte Erwin mit grosser Be­geisterung ausrufen: «Das ist ja toll! Ich wette, Sie lieben meine Stun­den.»

Erwin meinte bei anderer Gelegenheit, es gäbe einen «richtigen Weg» im Leben, der an ihm vorbeiging. Er sagte:

Ich kann nie den richtigen Weg gehen, den normalen Weg. Ich kann nur Mädchen nachlaufen und von Onanie reden. Natürlich sehe ich den richtigen Weg nicht, weil ich keinen anderen in mir habe. Ich habe keine Ahnung, wie es wäre, ich selbst zu sein.

Ich gab Erwin recht, dass sein Weg nicht der normale Weg sei, auch dass sich daran nichts ändern werde, wobei ich ihm gleichzeitig zu ver­stehen geben wollte, dass richtig und falsch punkto Lebensweg im Laufe der Menschheitsgeschichte sehr verschieden aufgefasst worden ist. Er selbst hatte in der Kindheit krampfhaft versucht, den normalen Weg ein­zuschlagen und war total gescheitert. Bereits mit 14 Jahren hatte er offen und wuchtig kundgetan, dass er eben bei diesem Versuch nicht weiterkonnte. Mit seinen Voraussetzungen war es verrückt, normal wirken zu wollen. Es war allerdings nicht verrückt, sondern schade, dass bei ihm der «richtige» Weg, also der von der herrschenden Gesellschaft als «nor­maler» Weg verstandene, alle anderen Wege in den Schatten stellte. Nur der Weg, den er eingeschlagen hatte, war nicht nur höchst abnormal, son­dern er führte auch im Verborgenen lediglich zur Mutter, die ihm in sei­ner sexuellen Not eventuell, so die Hoffnung, helfen könnte. (Ich kann nur Mädchen nachlaufen und von Onanie reden.) Die leibliche Mutter ging nicht auf ihn ein. Der therapeutischen Mutter konnte er sagen, dass es ihm in seiner Haut nicht wohl war, dass die Selbstbefriedigung (Ona­nie) nicht ausreichte, um im Leben glücklich zu sein. Ja, Erwin gab sei­nem Therapeuten zu verstehen, dass das Wort Selbst-Befriedigung in die Irre führen kann, wenn man «keine Ahnung [hat], wie es wäre, ich selbst zu sein».

Gerade die letzte Aussage, «Ich habe keine Ahnung, wie es wäre, ich selbst zu sein», schluckte aber Erwins Psychotherapeut nicht. Er erwider­te seinem Patienten, dass dieser Satz sehr wohl für sein vergangenes Le­ben zutreffen könnte, doch seit einer Weile erfahre Erwin in der Psycho­therapie nach und nach, wer er sei, z.B. ein Mensch mit gewaltigen Ge­fühlen. Auch im sprachlichen Austausch mit seinem Therapeuten habe er immer wieder erlebt, dass er in seiner Einmaligkeit verstanden und ange­nommen werde. Im Allgemeinen könnte er schon sagen «Niemand lacht über meine Witze». Das treffe aber mindestens für den Therapeuten nicht zu.

Wenn ich mich heute auf Erwins Aussage «Niemand lacht über mei­ne Witze» beziehe, sehe ich Erwin wieder als Vermittler von Sinn und Bedeutung aus der schizophrenen Situation. Der Therapeut nahm aller­dings nicht von vornherein an, dass Erwins Mitteilungen etwas Wahres über seine Lage in der schizophrenen Situation vermitteln und etwas Relevantes über die Welt, die der Therapeut als Welt der Schizophrenie verstand, kundtun. Oder in den Begriffen von heute, die uns beschäftigen: Erwins persönliche Sinngebungen der von ihm in der Welt der Schizo­phrenie aufgenommenen Bedeutungen sollten nicht ungeprüft so verstan­den werden, als wären sie aussagekräftig nicht nur für ihn, sondern auch für andere in der schizophrenen Situation. Denn die Sinngebungen waren oft zweideutig, und wie Lec uns mahnte: Vorsicht, «Zweideutigkeiten zeugen allerlei Bedeutung».38)

Seinerzeit bezogen Willeford und ich uns nicht auf Wygotskis Über­legungen über Sinn und Bedeutung, sondern auf Fromm-Reichmann, die in ihrer Sprache gerade den soeben thematisierten möglichen Wahrheits­charakter schizophrener Aussagen betonte. Willeford und ich schrieben damals: 39) Man weiss schon lange, dass der Patient von seinem scheinbar abgesonderten Platz in der menschlichen Situation aus ein scharfer, emp­findsamer und furchtloser Beobachter von anderen Personen sein kann und dass er dabei, um Fromm-Reichmann zu zitieren, «zahlreiche schmerzvolle Wahrheiten über andere aussprechen kann, Dinge, die sonst von seinen gesunden und in der Gesellschaft lebenden Mitmenschen un­beobachtet bleiben oder unterdrückt werden würden». «Der Fall des Hof­narren ist ein Beispiel dafür, woran ich denke», schrieb Fromm-Reich­mann und fügte hinzu, dass es anscheinend Personen gibt, «ausserhalb des Narrenparadieses, das dem Narren gewährt wird, die beim Hören die­ser unwillkommenen Wahrheiten Missfallen oder sogar Furcht verspüren könnten. Dies könnte zur Folge haben, dass sie eine psychologische Mauer von Ostrazismus und Isolation als Mittel der Selbstverteidigung um solch geisteskranke psychotische ‹Hofnarren› errichten.»40)

Erwin sagte damals, er selbst möge seine Witze auch nicht. Schizo­phrene Witze seien nicht belustigend. Also weder im Kreis der normalen Leute kamen seine Witze an noch fand er sie selbst lustig. Mit dem The­rapeuten war es aber völlig anders. Damals dachten Willeford und ich, dass es für Aussenstehende sehr schwer sein dürfte, den Sinn für Humor, den Erwin und seinen Therapeuten in der schizophrenen Situation charak­terisierte, nachzuvollziehen. Aber selbst wenn das möglich sei, bestehe ein Unterschied zwischen dem Humor, der sich aus der Beziehung zwi­schen dem Patienten und einer mit seinem Schicksal verbundenen Person ergibt, und dem Humor, an dem eine andere Person beteiligt ist, die, von der tragischen Lage des Patienten unbeeindruckt, nicht bemerkt, dass der Patient keinen «Ausweg» sieht. Erwin sagte z.B. einmal: «Im allgemeinen ist mein Humor übertrieben, masslos, ich zeige mich blöde, einfach um Eindruck zu machen … und das sind Schaurigkeiten, ein schauerliches, hysterisches Vergnügen.» Er sprach hier von seinen Versuchen, in zwi­schenmenschlichen Beziehungen komisch zu sein, wobei die Leute, mit denen er zu tun hatte, sehr wahrscheinlich nicht verständnisvoll auf seine Witze reagierten.

Zuletzt möchte ich noch aus dem Blickwinkel der damaligen Psycho­therapie dieses chronisch schizophrenen Patienten im Sinne der Dementia praecox unterstreichen, dass Erwin ganz wesentliche Momente in der Zu­sammenarbeit mit mir richtig erfasste. Es handelte sich z.B. um seine Ängste und die Art von Beziehung, die er mit dem Therapeuten benötig­te, um eventuell gesund zu werden. Er war zwar nicht in der Lage, schlicht und einfach mitzuteilen, wie das neulich ein Patient, der nicht als psychotisch gilt, tat: «Entschuldigung, aber ich muss es sagen: Sie dürfen mir in den nächsten fünf Jahren nicht sterben. Ich habe Sie nötig.» Nein, Erwin drückte sich wie folgt aus: «Wann wird der Tag kommen, an dem Sie mein Vater sein werden?» und ein andermal: «Werden Sie mich mit der Zeit adoptieren? Sagen Sie doch: Wenn ich keine Chance habe, ge­sund zu werden, werden Sie mich dann für zwei Jahre adoptieren?»

Gerade seine letzte Frage scheint mir, liebe Kolleginnen und Kolle­gen, zu belegen, dass Erwin Aussagen über die Lippen brachte, die für ihn und andere Notleidende in der schizophrenen Situation realitätsge­recht sind. Denn sein Hinweis auf die zweijährige Adoption weist für mich heute auf die ersten zwei Jahre des menschlichen Lebens hin, in denen es bei Erwin und anderen, die als schizophren verstanden werden, das erste Mal schiefgelaufen ist.

Zusammenfassend können wir festhalten, dass Erwin eine Therapeu­tenmutter bzw. einen Therapeutenvater hatte, der versuchte, dafür zu sor­gen, dass Erwin im Nachhinein sein Kern-Selbst, subjektives Selbst und verbales Selbst in ihrem So-geworden-Sein ansatzweise kennen lernen und annehmen konnte. Mit der Zeit konnte Erwin sich dann ein Leben unter Menschen ausserhalb der Klinik vorstellen. Dass es nicht dazu kam und Erwin mit 40 Jahren an einer sogenannten Grippe-Pneumonie starb, neun Jahre nach Beendigung der Psychotherapie mit mir und vier Jahre nach seiner Verlegung vom Sanatorium Bellevue in eine Klinik in der Nähe von Genf, ist der Inhalt eines anderen Berichts, den ich in diesen Tagen geschrieben habe, und der in einem Buch von mir demnächst er­scheinen wird.41)

*

Abschliessend möchte ich zu unserem Tagungsthema «Über die Ur­sprünge der psychischen Krankheit» sagen, dass ich heute im September 1997 wahrscheinlich ebenso wenig darüber weiss wie damals im Juni 1948, als ich anfing, mich in einem Institute for Family Relations (in Hol­lywood, California) mit Fragen der Psychopathologie zu beschäftigen. Ich sehe mich hier im selben Boot mit William Shakespeare und Sigmund Freud sitzen, ihres mitfühlenden Verständnisses gewiss.

Denn Shakespeare wollte auch, so vermute ich, z.B. die Ursprünge der psychischen Krankheit verstehen, wo nach und nach eine Eifersucht entsteht, die letztlich den Eifersüchtigen veranlasst, die von ihm geliebte Person zu töten.

Auch nehme ich an, dass Shakespeare sich für die Motivation jenes Römers interessierte, der in eine irr-sinnige Liebe zu einer Ägypterin, die schon lange ihre «Salatjahre» hinter sich gebracht hatte,42) geriet und so von ihrem Wesen fasziniert war, dass er alles, was er errungen hatte – und das war immerhin ein Drittel der damaligen Weltherrschaft! – aufs Spiel setzte. Shakespeare stellte sich vor, dass dieser Mann wie folgt dachte:

Lass Rom im Tiber schmelzen und den Bogen
Des weitgestreckten Reiches stürzen! 43)

Shakespeare liess diese Frau zur «Königin» dieses Mannes werden, der kurz vor seinem Tod sagt:

deren Brust mir Krone war
Und Ziel.44)

Ja, Shakespeare scheint davon überzeugt gewesen zu sein, dass die­ser Mann ganz närrisch in diese Frau verliebt war, in eine Person, die ihn verriet und sich so benahm, dass er keinen Sinn mehr im Leben sah. Aber der Sinn, den er aus Shakespeares Sicht seiner ursprünglichen Liebe zu ihr verlieh, tönt stimmig, bedeutungsträchtig.

Kleopatra:
Wenns wirklich Liebe ist, sag mir, wieviel.
Antonius:
Nur bettelarme Liebe könnt man zählen.
Kleopatra:
Ich setz den Grenzstein, wie weit ich geliebt bin.
Antonius:
Dann find erst neuen Himmel, neue Erde! 45)

Und Ehrverletzung? Ist ein Jude psychisch krank, wenn er Recht verlangt und Gnade verweigert zum Teil wegen langjährigen Ausschlus­ses intimen Kontaktes mit der Christenwelt?

Das sind nur drei von einigen Themenkreisen, mit denen Shake­speare sich abgab und die zu unserem Tagungsthema passen. Ja, und kam Shakespeare auf eine Erklärung der Motivation von Othellos Eifersucht, Antonius’ närrischer Liebe und Shylocks Hass? Möglich, nur kenne ich sie nicht, allerdings das Produkt seiner Beschäftigung mit den Themen ist mir bekannt, ja zum Bestandteil meiner Psyche geworden, nämlich die Theaterstücke «Othello»,46) «Antonius und Kleopatra»47) und «Der Kauf­mann von Venedig».48) Und das genügt mir. Denn wie Shakespeare Ham­let seinen Freund Horatio sagen liess:

Es gibt noch mehr im Himmel und auf Erden,

Als Ihr in Eurer Weisheit je geträumt.49)

Ähnlich verhielt sich Freud, der sehr früh bei seinem Forschen nach den Ursprüngen der psychischen Krankheit voraussetzte, dass mehrere Momente zusammentreffen, um z.B. die Neurose hervorzubringen. Und er meinte, dies sei der «Hauptcharakter in der Ätiologie der Neurosen, … deren Entstehung zumeist überdeterminiert ist»,50) «d.h. es wirken in ihrer Ätiologie mehrere Faktoren zusammen».51) So sah er im Fall der Hysterie «ein mehrdimensionales Gebilde von mindestens dreifacher Schichtung»52) oder Anordnung, wobei die dritte Art der «Anordnung nach dem Gedan­keninhalte … dynamischen Charakter» hat und die Verknüpfung «ähnlich wie das Zickzack der Lösung einer Rösselsprungaufgabe über die Felder­zeichnung hinweggeht».53) Freud führte dann weiter aus:

Der logische Zusammenhang entspricht nicht nur einer zick­zackförmig geknickten Linie, sondern vielmehr einer verzweig­ten, und ganz besonders einem konvergierenden Liniensystem. Er hat Knotenpunkte, in denen zwei oder mehrere Fäden zusam­mentreffen, um von da an vereinigt weiterzuziehen, und in den Kern münden in der Regel mehrere unabhängig voneinander verlaufende oder durch Seitenwege stellenweise verbundene Fäden ein.54)

Er mochte mit diesem Bild unzufrieden gewesen sein, aber er beton­te: «Es ist sehr bemerkenswert, um es mit anderen Worten zu sagen, wie häufig ein Symptom mehrfach determiniert, überbestimmt ist.»55) In einer anderen Schrift zu dieser Zeit sprach Freud von mehreren Momenten, «die von verschiedenen Seiten her gleichzeitig» kommen und die hysteri­schen Symptome bilden, von einem Vorgang, den er mit dem Satz fest­hielt: «Die hysterischen Symptome seien überdeterminiert.»56)

Gegen Ende der 1890er Jahre war Freud dann ganz allgemein vom Begriff der Überdeterminierung überzeugt und schrieb: «Ich bin durch Erfahrung belehrt zu fordern, dass jedes psychische Ergebnis der vollen Aufklärung und selbst der Überdeterminierung zugeführt werden müs­se.»57)

In der «Traumdeutung» kam Freud etwa zehnmal auf die Überdeter­minierung zu sprechen, wobei er abwechselnd von vielseitiger Determi­nierung oder mehrfacher Determinierung schrieb.58) In einer Art Zusam­menfassung formulierte er:

Jedes der Elemente des Trauminhaltes ist durch das Material der Traumgedanken überdeterminiert, führt seine Abstammung nicht auf ein einzelnes Element der Traumgedanken, sondern auf eine ganze Reihe von solchen zurück, die einander in den Traumge­danken keineswegs nahestehen müssen, sondern den verschie­densten Bezirken des Gedankengewebes angehören können. Das Traumelement ist im richtigen Sinne die Vertretung im Trauminhalt für all dies disparate Material. Die Analyse deckt aber noch eine andere Seite der zusammengesetzten Beziehun­gen zwischen Trauminhalt und Traumgedanken auf. So wie von jedem Traumelement Verbindungen zu mehreren Traumgedan­ken führen, so ist auch in der Regel ein Traumgedanke durch mehr als ein Traumelement vertreten; die Assoziationsfäden konvergieren nicht einfach von den Traumgedanken bis zum Trauminhalt, sondern überkreuzen und durchweben sich viel­fach unterwegs.59)

Sehr klar finde ich Freuds Stellungnahme zum Begriff der Überdeter­minierung am Anfang des vierten Kapitels seines Werks «Totem und Tabu»:

Von der Psychoanalyse, welche zuerst die regelmässige Über­determinierung psychischer Akte und Bildungen aufgedeckt hat, braucht man nicht zu besorgen, dass sie versucht sein werde, etwas so Kompliziertes wie die Religion aus einem einzigen Ursprung abzuleiten. Wenn sie in notgedrungener, eigentlich pflichtgemässer Einseitigkeit eine einzige der Quellen dieser Institution zur Anerkennung bringen will, so beansprucht sie zunächst für dieselbe die Ausschliesslichkeit so wenig wie den ersten Rang unter den zusammenwirkenden Momenten. Erst eine Synthese aus verschiedenen Gebieten der Forschung kann entscheiden, welche relative Bedeutung dem hier zu erörternden Mechanismus in der Genese der Religion zuzuteilen ist; eine solche Arbeit überschreitet aber sowohl die Mittel als auch die Absicht des Psychoanalytikers.60)

Etwa 25 Jahre später kam Freud (1937) wieder auf den Begriff der Überdeterminierung zu sprechen und vertrat dieselbe Position, die wir bereits zur Kenntnis genommen haben:

Unserem allerdings gebieterischen Kausalbedürfnis genügt es, wenn jeder Vorgang eine nachweisbare Ursache hat. In der Wirklichkeit ausserhalb uns ist das aber kaum so der Fall; viel­mehr scheint jedes Ereignis überdeterminiert zu sein, stellt sich als die Wirkung mehrerer konvergierender Ursachen heraus. Durch die unübersehbare Komplikation des Geschehens ge­schreckt, ergreift unsere Forschung Partei für den einen Zusam­menhang gegen einen anderen, stellt Gegensätze auf, die nicht bestehen, nur durch die Zerreissung von umfassenderen Bezie­hungen entstanden sind.61)

Freud schrieb eine Fussnote zu diesem Statement, die auch hierhergehört:

Ich protestiere aber gegen das Missverständnis, als wollte ich sagen, die Welt sei so kompliziert, dass jede Behauptung, die man aufstellt, irgendwo ein Stück Wahrheit treffen muss. Nein, unser Denken hat sich die Freiheit bewahrt, Abhängigkeiten und Zusammenhänge aufzufinden, denen nichts in der Wirklichkeit entspricht, und schätzt diese Gabe offenbar sehr hoch, da es in­nerhalb wie ausserhalb der Wissenschaft so reichlichen Ge­brauch von ihr macht.62)

Ich verstehe Freud so, dass zur Annahme einer mehrfachen Determi­nierung psychischer Tätigkeit die Wertschätzung der verbalen Vorstellun­gen aus der Arbeit mit den Hilfesuchenden gehört. Diese seien ernst zu­ nehmen, auch wenn wir zunächst meinen könnten, wir liegen mit diesen verbalen Vorstellungen sowie mit unseren Einfällen, Mutmassungen, Deutungen, Konstruktionen etc. völlig daneben. Die soeben erwähnte «Meinung» bezieht sich auf eine «verzeitlichte» und «versachlichte» Auf­fassung von Wirklichkeit 63) sowie auf eine Wissenschaft, welche in diesem Verständnis von Wirklichkeit beheimatet ist. Mir scheint, Freud sagt in dieser Fussnote, er nehme Abstand von einer Verabsolutierung des Kau­salitätsdenkens, das im Laufe der Aufklärung immer mehr an Bedeutung zunahm. Einverstanden mit der Sinngebung, die Shakespeare Hamlet im Gespräch mit Horatio soufflierte, zog aber Freud nicht den Schluss von Henri Bergson, der sich in der Auslegung von Ossip Mandelstam «aus­schliesslich [für] die innere Verbindung der Phänomene» interessierte und somit sich von einer Wissenschaft verabschiedete, die die Phänomene «in ihrer Unterordnung unter das Prinzip zeitlicher Aufeinanderfolge … be­trachtet».64)

Nein, auch wenn Freud wie Shakespeare wusste, dass Wissenschaft so betrieben werden kann, dass hauptsächlich «Worte, Worte, Worte»65) dabei herauskommen, hielt er fest an einer Widerspiegelungstheorie, die sich «einer endlosen Kette von Phänomenen ohne Anfang und Ende»66) ge­genübersieht und erkennbare psychische Kausalität voraussetzt, und zwar unabhängig davon, ob die mehrfach determinierten Resultate psychischer Tätigkeit gesunder oder krankhafter Natur sind. Denn auch im Wahnsinn liegt nach Shakespeare Methode.67)

Trotzdem stehen wir täglich vor der Aufgabe, psychische Krankhei­ten zu lindern oder beseitigen zu sollen und auch zu wollen, ohne ihre ge­nauen Ursachen zu kennen. So sehen wir uns am Schluss dieses Referats wieder mit Hamlet vereint, der nach Shakespeare ein Problem anzupa­cken hat, das sich nur allgemein beschreiben lässt, und zwar als

Etwas … [sei] faul im Staate Dänemark.68)

Die Schwere der Aufgabe, die Hamlet zu bewältigen hat, hat Shake­speare wie folgt formuliert:

Die Zeit ist aus den Fugen. O Verdruss,

Dass ich geboren ward und nun sie heilen muss.69)

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1. Lec (1957–1959, S. 14).
2. Sheldon (1942, S. 97).
3. Siehe dazu James Wertsch (1985), David Joravsky (1989), Alex Kozulin (1990) und René van der Veer und Jaan Valsiner (1991).
4. Carroll (1872, S. 99).
5. Bucharin, zitiert in Joravsky (1989, S. 259).
6. Wygotski, zitiert in Joravsky (1989, S. 260).
7. L’Art, zitiert in Guido Kalberer (1997).
8. Foucault, zitiert in Kalberer (1997).
9. Lec (1957–1959) hätte zu diesem Punkt sagen können: «Auch die Stimme des Ge­wissens macht einen Stimmbruch mit» (S. 31).
10. Ich denke zunächst an die folgenden Schriften: Lévi-Strauss (1955; 1958a; 1958b; 1960; 1962a; 1962b; 1970) und Georges Charbonnier (1961).
11. Siehe Kapitel XVIII und XIX des vorliegenden Buches.
12. Siehe dazu Daniel Stern (1985).
13. Siehe Kapitel XVIII und XIX.
14. Lec (1957-1959, S. 45).
15. Ludwig Adolf Binswanger (1960, S. 689; siehe auch S. 687, 690-691).
16. Siehe Kapitel XXI.
17. Chukovsky (1925, S. 2).
18. Chukovsky (1925, S. 35).
19. Chukovsky (1925, S. 34).
20. Chukovsky (1925, S. 50).
21. Bly (1996, S. 199). Siehe noch bei Bly andere Stellen, die eine direkte Beziehung zu meinem Text haben (S. 134-135, 137). Bly gibt für seine Beispiele keine Quellen an. Sein Beispiel vom Mädchen, das Dornröschen spielt, habe ich in Chukovskys Werk gelesen (1925, S. 121), auch das Beispiel vom Jungen, der sich als Schornstein­feger erlebt, sowie die Geschichte vom Mädchen und ihrer Begegnung mit dem Käfer sind in diesem Buch (S. 120).
22. Chukovsky (1925, S. 36).
23. Chukovsky (1925, S. 2).
24. Gruen (1997, S. 41).
25. Chukovsky (1925, S. 13).
26. Chukovsky (1925, S. 21, 22).
27. Chukovsky (1925, S. 31).
28. Chukovsky (1925, S. 26).
29. Willeford und Elrod (1962) und Elrod und Willeford (1963); siehe Kapitel XVIII und XIX.
30. Shakespeare (1601b, S. 265). Sehr verwandt mit Shakespeares Überlegung ist ein Gedanke von Gottfried Keller, der lautet: «Die Liebe ist eine Glocke, welche das Ent­legenste und Gleichgültigste wieder tönen lässt und in eine besondere Musik verwan­delt.» Und aus Spanien hören wir: «Wo Musik ist, kann nichts Schlimmes sein.»
31. Anonymous (1860), Olive Beaupré Miller (1920) und Christian Strich (1987).
32. Searles (1958, S. 184, 185).
33. Lec (1957–1959) schrieb in dieser Hinsicht: «Fassen wir uns kurz. Die Welt ist übervölkert von Wörtern» (S. 7). Und mit Scheisse? Ist dasselbe zu sagen?
34. Der römische Staatsmann, Philosoph und Dichter Seneca, zutiefst interessiert an der Umsetzung der Lehre des Stoizismus in die Lebenspraxis, hätte Erwin, so stelle ich mir vor, sagen können, dass dieses Warten auf die glückbringende Mutter zum vornherein völlig aussichtslos sei. Es müsste grundsätzlich eine Änderung in seiner Einstellung zur Realität geben, denn die Beschaffenheit seiner Mutter sei hinzuneh­men. Dass sie ihm nicht Milch und Honig spendete, scheint unbestritten zu sein. Aber diese Tatsache sei zu akzeptieren, man könne Entbehrung ertragen, erdulden in «sto­ischer Ruhe». Entscheidend sei, das Beste daraus zu machen – heute! Wortwörtlich mahnte Seneca: «Das grösste Lebenshemmnis ist das Warten, das sich ans Morgen klammert und das Heute verliert.»
35. Winnicott (1988, S. 109).
36. Erwin und sein Therapeut steckten hier vielleicht in Problemen, die Alexander Puschkin wie folgt beschreibt:

Es gibt zwei Arten von Sinnlosigkeit: die eine kommt vom Mangel an Gefühlen und Gedanken, der durch Worte ersetzt wird; die andre von der Fülle der Gefühle und Gedanken und vom Mangel an Worten, um sie aus­zudrücken (Puschkin, zitiert in Manfred Buhr, 1986, S. 107).

37. Willeford und ich haben seinerzeit die schizophrene Situation wie folgt dargestellt: Wir betrachten diese Krankheit als Erscheinung einer Notlage, und zwar einer Notla­ge, die durch einen Menschen – den Patienten – gekennzeichnet ist, der sich be­nimmt, als ob nur er allein in Verstrickung geraten sei, und nicht auch die anderen in der ihm zugehörigen Welt. Er scheint «berufen», sowohl von den Personen seiner un­mittelbaren Umgebung als auch von sich selber, die «Ver-rücktheit», die ihnen allen anhaftet, zu verkörpern. Diese Lage wird von uns «schizophrene Situation» benannt. Wir Therapeuten leben in dieser Situation, nicht nur auf Grund unserer therapeuti­schen, sondern auch auf Grund unserer persönlichen Berufung, welche letztere in einer eigenartigen Affinität zu dem Patienten und seinen Angehörigen verwurzelt zu sein scheint.

Heward Wilkinson (1997) hat neulich auf dem XII. internationalen Symposium für die Psychotherapie der Schizophrenie ein Verständnis für das Dilemma des Men­schen, der als Patient in der schizophrenen Situation gilt, vermittelt, das sehr ähnlich wie das von Willeford und mir ist. Dem Anschein nach hat Wilkinson wie wir Bezug auf Hampti Dampti in Carrolls «Alice im Spiegelland» genommen und stellt sich vor, dass der Patient sich in intrapsychischen und zwischenmenschlichen Machtverhält­nissen befindet, denen er ausgeliefert ist, und ihn in kollektiven Glaubenssystemen, die in ihm lebensnotwendigen Bezugspersonen verkörpert sind, festhalten. Ich denke z.B. an das erste Gebot im alten Testament «Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren …» (2. Mose 20,12), das im neuen Testament seine Bestätigung fand (Der Brief des Paulus an die Epheser 6,2,3). Wilkinson versteht die Patienten in der schizophre­nen Situation als Personen, die ahnen und zum Teil verstehen, dass sie sich letztlich einer Willkürherrschaft unterworfen haben, die Anpassung fordert und weder ein Le­ben in Wahrheit noch ein Leben auf der Suche nach Wahrheit wünscht. Diese Reali­sation veranlasst sie, den Herrscherinnen und Herrschern das zu geben, was sie je­weils verlangen, wobei es immer wieder welche gibt, die es fertigbringen, auf eine schizophrene Art und Weise ihre innerste Selbstachtung nicht preiszugeben. Aber alle stehen vor dem Problem des Überlebens in einer Mitwelt, die das nicht in Erfahrung bringt, was sie wirklich denken, fühlen und wollen etc. Die Psychotherapie der Schi­zophrenie ist unter diesen Umständen ein Versuch, diese Menschen, die als schizo­phren gelten, d.h. keinen Ausweg aus den widersprüchlichen, festhaltenden Glaubens­systemen finden, zu ermuntern, sich aus ihrem Versteck zu bewegen, z.B. ihren Wortsalat beiseite zu lassen und auszubuchstabieren, wieso es ihnen nicht möglich gewesen war, nach dem gesunden Menschenverstand zu leben. Noch dazu wird ver­sucht, der Lebensgeschichte des Patienten so nachzugehen, dass es verständlich wird, warum er zu sogenannten schizophrenen Symptomen greifen musste, um zu überle­ben. In der Sprache der vorliegenden Arbeit heisst das, dass die sinngebende Tätig­keit des Patienten möglicherweise nach und nach zu allgemein relevanten Aussagen gelangen kann, die dazu beitragen können, die zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen er lebt, befriedigender zu erleben, als Ausgangspunkte für eine sehr lange ersehnte persönliche Entwicklung.

38. Lec (1982, S. 179).
39. Siehe Kapitel XVIII.
40. Fromm-Reichmann (1957, S. 328).
41. Siehe Kapitel XXI.
42. Shakespeare (1607a, S. 22).
43. Shakespeare (1607b, S. 227).
44. Shakespeare (1607b, S. 286).
45. Shakespeare (1607b, S. 227).
46. Shakespeare (1603).
47. Shakespeare (1607a; 1607b).
48. Shakespeare (1596).
49. Shakespeare (1601a, S. 36).
50. Freud (1895a, S. 261).
51. Freud (1895b, S. 367).
52. Freud (1895a, S. 291).
53. Freud (1895a, S. 293).
54. Freud (1895a, S. 293-294).
55. Freud (1895a, S. 294).
56. Freud (1896, S. 453).
57. Freud (1898, S. 524).
58. Freud (1900, siehe z.B. S. 312).
59. Freud (1900, S. 666).
60. Freud (1913, S. 122).
61. Freud (1937, S. 214–215).
62. Freud (1937, S. 215).
63. Gerade nicht auf das Verständnis vom Leben, das Lec (1982) wie folgt andeutete: «Das Leben ist jene Summe von Augenblicken, die Stetigkeit vortäuscht» (S. 256).
64. Mandelstam (1922, S. 111).
65. Shakespeare (1601a, S. 48).
66. Mandelstam (1922, S. 111).
67. Shakespeare (1601a, S. 49).
68. Shakespeare (1601a, S. 30). Lec (1957–1959) meinte: «Etwas ist faul im Staate Dänemark! Oh, wie riesengross ist Dänemark» (S. 20).
69. Shakespeare (1601a, S. 37).

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