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1972

Diskussion zu «Eine Orientierung über meine psychotherapeutische Praxis»



Aus Auf der Suche nach dem gemeinsamen Grund. Psychoanalyse und Demokratische Psychiatrie im Austausch (1993), herausgegeben von Hans Red, Band I, S. 65–85.

 

Ungeklärte Widersprüche fördern falsches Bewusstsein und Ideologie 1)

 

TRANCHINA: Ich möchte die Diskussion über Elrods Arbeit eröff­nen und dabei bemerken, dass sich sein Aufsatz in den Fragenbereich einordnet, den wir schon seit langem erörtern, nämlich in den der Dialek­tik zwischen beruflicher und politischer Arbeit, zwischen Psychoanalyse und Marxismus. Mir scheint, dass sich Elrods Artikel auf eine Weise in diesen Bereich einordnet, die auch die Klassenwidersprüche in die analy­tische Arbeit selbst hineinträgt, d.h. Elrod bleibt nicht beim inneren psy­chodynamischen Konflikt stehen, sondern verbindet ihn mit den gesell­schaftlichen Widersprüchen in der Aussenwelt.
Das scheint mir deshalb wichtig, weil alles, was nicht entmystifiziert, kritisiert, geklärt wird, im Interesse der Herrschenden wirkt, und zwar auf allen Ebenen. Ich will sagen, die Tatsache, dass wir imstande sind, Wi­dersprüche zu lösen und zu entmystifizieren, bringt einen Zuwachs an Bewusstsein und gibt damit auch dem Kampf auf allen Ebenen weitere Möglichkeiten, während die Tatsache, dass wir Widersprüche nicht erfas­sen, da wir sie nicht mit dem Gesellschaftlichen, mit der Totalität, verbin­den, auf persönlicher Ebene falsches Bewusstsein vermehrt und auf kol­lektiver die Ideologie der Herrschenden stützt.  

ELROD: Ich danke für die Einladung und hoffe, dass wir heute Abend alle etwas lernen können. Kurz vorher hatte ich ein Gespräch mit einem Mailänder Kollegen, und mir scheint, dass wir an einen wesent­lichen Punkt gelangt sind, sei es, was meine Arbeit in Einzel- und Grup­pentherapien angeht, sei es, was die Anstrengungen betrifft, die im psy­chiatrischen Feld in Arezzo und Gorizia gemacht werden. Es ging um die Frage, wie der Therapeut sich dem Patienten mitteilen will, welche Form er wählt, seine therapeutische Arbeit durchzuführen. Je nach Inhalt der Mitteilung kann ein Konflikt beim Patienten ausgelöst werden, und zwar auf individueller Ebene mit seinem Über-Ich und/oder auf kollektiver Ebene zwischen dem Patienten als Person und den Menschen, die das vorherrschende gesellschaftliche Bewusstsein in diesem Fall vertreten. Wenn ein derartiger Konflikt entsteht, weil der Therapeut in eine be­stimmte Richtung gearbeitet hat, so müssen wir uns fragen, welches die Mittel sind, die uns zur Verfügung stehen, um zu verhindern, dass der Patient mit zusätzlichen Schwierigkeiten konfrontiert wird, wenn er von einem bestimmten Anliegen des Therapeuten erfährt und somit die ge­samte therapeutische Arbeit gefährdet wird.
Zusammenfassend, wir stehen immer wieder in Konflikt mit dem vorherrschenden gesellschaftlichen Bewusstsein, wohlwissend, dass die Ideologie der Unterdrücker in verwandelter Form im Patienten und The­rapeuten ist und wirkt, und wir müssen das Problem patientengerechter Verkehrsformen ernst nehmen, analog zur Arbeit Paolo Freires bei seiner Pädagogik der Unterdrückten.  

Mailand: Bildung einer Gruppe, die kostenlos psychologische Hilfe leistet  

PASCHERA: Ich wollte eine Mitteilung machen. Wir sind dabei, eine Gruppe zu bilden, die jedem, der es verlangt, kostenlos psychologische Hilfe gewährt. Wir glauben, dass eine solche Gruppe darin eine Berechti­gung findet, dass wir uns an die Ausgeschlossenen wenden, aber in der Tat vor allem an jene, die sich objektiv selbst ausschliessen. Wir glauben, dass der Ausschluss und vor allem der Selbstausschluss ein objektives Symptom einer globalen Ablehnung darstellt, und er scheint uns deshalb ein ziemlich wichtiger Punkt des Eingreifens zu sein. Das heisst, in einer Gesellschaft, in der die Entfremdung durch das Kapital und die durch das Kapital auferzwungenen Beziehungsformen bis ins Alltagsleben eindrin­gen, besitzt derjenige, der ablehnt, sich isoliert, ausserhalb steht und in der Tat diese Alltäglichkeit insgesamt in Frage stellt, ein revolutionäres Potential, das uns interessiert. Zweck dieser Gruppe ist es zu versuchen, dem Ausgeschlossenen – der sich in der Tat selbst ausschliesst und dann nicht mehr imstande ist, dieses Ausgeschlossensein zu verwalten, da­durch in eine Krise gerät und möglicherweise zum Rauschgift greift, die­sem Ausgeschlossenen also – Mittel zur Verfügung zu stellen, damit er dieses Ausgeschlossensein selbst verwalten kann. Damit lehnen wir einen Eingriff ab, der dazu dient, den Ausgeschlossenen oder den Unangepass­ten wieder in die Produktion oder in die bürgerlichen Rollen einzuglie­dern, und wir glauben einfach, in einer Weise vorgehen zu müssen, in der diese Personen, die unsere Hilfe anfordern, fähig werden, ihr Ausge­schlossensein kollektiv zu verwalten. Das könnte die Organisation einer globalen Ablehnung bedeuten, die sich ausserhalb der Kämpfe stellt, die den systemimmanenten Mechanismen unterliegen. Wir glauben nämlich, dass es an einem bestimmten Punkt nicht mehr wichtig ist, die Organisa­tion des Überlebens zu rationalisieren oder zu verbessern, dass es aber wichtig ist, eine Kampfgruppe vorzuzeichnen, die eine umfassende Ände­rung der Lebensverhältnisse fordert, und wir glauben auch, dass, wenn wir uns als Hilfsgruppe dieser Personen verstehen, wir so arbeiten kön­nen, dass sie alternative menschliche Beziehungen aufbauen, die ausser­halb der vom System vorgeschriebenen stehen, und dass sie in sich eine Gesellschaftsform vorzeichnen, die man aufbauen will. Wir glauben Mit­tel geben zu können, um die Ablehnung kollektiv zu verwalten, ohne eine Entwicklungslinie vorzuschreiben. Deshalb werden wir gemeinsam mit den Personen, die sich an uns wenden, versuchen, herauszufinden, was zu tun sei. Diese Gruppe trifft sich im Zentrum für Gegenkultur «Re Nudo» in der Maroncellistrasse 14.  

Wenn auch erweitert, bleibt die therapeutische Beziehung auf der Ebene des Bewusstseins  

MARZI: Zum Artikel zurückkehrend und zu den Anlässen, die er uns bietet, können wir auch die Fragen vertiefen, die im letzten Beitrag aufge­worfen wurden. Bei Elrods Artikel hat man den Eindruck, dass der Psy­chotherapeut seine ganzen Anstrengungen auf die Veränderungen kon­zentriert, die er auf der Ebene des Bewusstseins in die Situation der Beziehung zum Patienten einführen kann. Es besteht das Anliegen, diese Beziehung einer umfassenderen Problematik, dem Gesellschaftlichen, zu öffnen, wobei der Autor dem Gesellschaftlichen eine präzise Ausrichtung gibt und die Rigidität der Beziehung und des Settings in Frage stellt. Ich beziehe mich auf jenen Passus, wo kritisiert wird, dass der Psychothera­peut nie Mitteilungen über sich selbst macht. An einem bestimmten Punkt schliesst der Autor ab, indem er sagt, dass, falls der Patient für bestimmte Probleme ein gewisses Bewusstsein erreicht hat, er stärker mit anderen Patienten eine Beziehung suchen müsste, als mit ihm selbst. Diese Aus­führungen aber bleiben im Keime stecken, sind Andeutungen; es wird nicht ausgeführt, wie der Patient dazu gelangen kann, noch versteht man genau, welche Beziehungen notwendig wären. Man versteht nicht genau, was ein allgemeiner Kontakt unter Patienten bedeuten soll. Dagegen kriti­siert der Autor die therapeutische Beziehung, die er zu verändern sucht, die sich aber nicht umkehrt, die nicht zerbricht, die sich in der Praxis nicht verändert. Man muss sich also fragen, ob dieses Anliegen eine rele­vante politische Bedeutung hat im Sinne eines anti-institutionellen Kamp­fes, einer alternativen Praxis.  

ELROD: Heute Abend können wir sehen, inwieweit mein Anliegen mit dem anti-institutionellen Kampf, den wir hier behandeln, überein­stimmt, ob die Art Psychotherapie, die ich euch unterbreite, den Kampf fördert. Die Diskussion müsste darauf eine Antwort geben. Aufgrund der Erfahrung, die ich aus der Schweiz und der Bundesrepublik Deutschland habe, kann ich sagen, dass dort die anti-institutionellen Anstrengungen sehr isoliert sind und jene Art von Verbindung fehlt, die hier in Italien besteht, und zwar nicht nur hinsichtlich der Psychotherapie in privater Praxis, sondern vor allem auch im Bereich der psychiatrischen Institutio­nen.
Ich habe etwa zwanzig Jahre in den Institutionen gearbeitet, und es hat dort nie derartige Veränderungen gegeben, wie sie hier stattfinden. Man arbeitet auf einsamen Posten. Ich habe zwei Schüler, die in psychi­atrischen Institutionen arbeiten und ähnliche Versuche wie wir unterneh­men. Sie sind isoliert, sei es gegenüber ihren Kollegen, die unser Anlie­gen ablehnen und mit der bisherigen bürgerlichen Psychiatriepraxis ver­bunden bleiben, sei es gegenüber dem Pflegepersonal, das ihnen nicht zugewandt ist, da in dieser Richtung unvorbereitet.  

GIERKE: Ich glaube, dass die Barrieren, die in der traditionellen Be­ziehung Therapeut-Patient bestehen, nicht nur institutioneller Art sind. Freud ging gerade von der Tatsache aus, dass seine Theorie nicht auf phänomenologischen Beobachtungen gründete, sondern auf analytischen Überlegungen. Diese müssen nun bereichert werden, indem die Arzt-Pati­ent-Beziehung relativiert wird. Ich möchte sagen: die Patientenkollektive werden vielleicht imstande sein, praktische Probleme des Alltags zu ver­walten. Es mangelt ihnen aber an theoretischen Grundlagen, die notwen­dig sind, um das, was geschieht, zu verstehen und ins Bewusstsein zu bringen. Insofern werden sie immer ein wenig nebulös verhaftet bleiben, ohne darüber hinaus zu gelangen.  

Elrods Position ist Hegel näher als Marx  

KANTZAS: Elrod bemüht sich als Analytiker, sich dem Marxismus zu nähern. Er hat gute Absichten, aber sein Versuch zeigt noch einmal die Misere der Psychoanalyse. Elrods Stellung zum Klassenkampf scheint mir Hegel näher als Marx. Elrod meint, man könne in der thera­peutischen Beziehung die Klassenwidersprüche bewusst machen. Viel­leicht kommt Elrod zu dieser Aussage, da er es vor allem mit bürgerli­chen Menschen und all ihren Problemen zu tun hat. Im Artikel habe ich den Versuch bemerkt, den Horizont seiner Patienten über ihre kleinbür­gerlichen Probleme hinaus auszudehnen, um etwas Universelleres zu veranlassen. Elrod möchte in den Patienten selbst den proletarischen Teil, sagen wir den Schwarzen, auftauchen lassen, um durch diese Operation die Befreiung des Patienten selbst zu erreichen. Gerade das ist meines Erachtens ein Hegelscher Ansatz, von Marx in der Folgezeit überwunden, nicht mittels Psychotherapie, sondern mit dem Sieg des Proletariats und der Überwindung der Klassentrennung wird die Befreiung erreicht. Erst wenn die Bourgeoisie ihre Vormachtstellung verliert, wird sie vielleicht ein universales Bewusstsein erlangen.  

Die Freudsche Latenz und die Jungsche Individuation sind idealistisch  

ELROD: In meinem Artikel bei der Darstellung der Traumdeutung behaupte ich, dass ein Schwarzer oder ein Eskimo als Traumgestalt nicht unbedingt nur im Zusammenhang mit einer verschleierten Wunscherfül­lung begriffen werden müssen, so wie Freud das uns gelehrt hat. Auch begreife ich den Schwarzen oder Eskimo nicht nur als möglichen Aus­druck eines unentwickelten Teiles der Psyche, den Jung Schatten nennt. In gewissem Sinne wären das tatsächlich hegelianische Interpretationen, da sie mit einem individuellen Bewusstsein zu tun haben, d.h. mit dem Schwarzen oder Eskimo als Erscheinungsform des Bewusstseinszustan­des innerhalb der Herr-Knecht-Dialektik.
Es muss aber noch ein dritter sehr wichtiger Aspekt berücksichtigt werden, auch wenn darüber nicht notwendigerweise mit dem Patienten gesprochen wird. Dieser Aspekt hängt damit zusammen, dass man den Patienten, als Schöpfer der Eskimogestalt im Traum, mit den wirklichen Eskimos, die in Alaska und Kanada leben, in Beziehung bringt. Dieser Ansatz hat meiner Meinung nach nichts mehr mit einer Hegelschen Be­griffsebene zu tun. Das Eskimo-Traumbild wird mit lebenden Eskimos in Verbindung gebracht, die gegenwärtig durch die Erdölgesellschaften in Alaska ihre kulturelle Eigenständigkeit verlieren. Es wird hier auf Tatsa­chen hingewiesen, die nicht allein im Bewusstsein des Patienten und The­rapeuten existieren, sondern in der gesellschaftlichen Wirklichkeit. In die­sem Sinne glaube ich, dass man sich eher auf das Verständnis des Herr-Knecht-Verhältnisses bei Leibniz beziehen kann, wo nämlich der Knecht nicht ein Bild des Bewusstseins ist, sondern ein wirkliches menschliches Wesen innerhalb der Klassenspaltung.
Ich versuche also, die Traumgestalten und das Traumgeschehen nicht nur als Ausdruck der individuellen Psyche und der individuellen Geschichte zu begreifen, wie es Freud tat, oder, wie bei Jung, als mögli­chen Ausdruck eines transzendentalen Individuationsprozesses bzw. als Bewegung des Geistes und/oder der Psyche, die zur Ganzheit streben. Ich möchte wissen, wie der Patient als Träumer in und zu den sozialen Widersprüchen steht. Jedenfalls fasse ich den Traum als eine besondere Erscheinungsform der Wirklichkeit auf. Man sollte ihn stets in der ge­sellschaftlichen Realität, in der er geträumt wird, verstehen und begrei­fen. Es ist wichtig, die Entsprechungen und Diskrepanzen zwischen dem Verhalten und Erleben im Traum und der gesellschaftlichen Praxis des Patienten im Wachleben im Auge zu behalten.  

Die analytische Methode ist in sich selbst idealistisch  

GUELFI: Der Ausdruck «hegelianisch», den Kantzas gebraucht hat, um Elrods Position zu beschreiben, kann hier einige Missverständnisse stiften. Auf der Fahrt hierher haben wir im Auto vier Stunden lang disku­tiert und dabei den Ausdruck hegelianisch synonym mit idealistisch ver­wendet, genau in dem Sinne, wie in den Schriften von Marx und Engels von Idealismus gesprochen wird; d.h., das, was auf dem Kopfe stand, wird durch den Prozess der Umkehrung, auf dem die materialistisch dia­lektische Methode gründet, wieder auf die Beine gestellt. In diesem Sinne sprachen wir über Elrods Artikel und nicht nur über das Beispiel des Negers im Traum. Es geht hier um eine idealistische Haltung, von der ich glaube, dass sie nicht spezifisch auf Elrod zutrifft. Die psychotherapeuti­sche Methode, die Elrod vorschlägt, ist nicht idealistischer als andere Methoden. Allgemein gesprochen hat vielleicht das psychotherapeutische Instrument selbst idealistische Konnotationen. Warum? Gerade dann, wenn die Psychotherapie sich als Instrument zur Veränderung des Be­wusstseins einzelner versteht und eine interpersonale Beziehung in den Mittelpunkt stellt, hat sie einen ziemlich abstrakten Charakter und bleibt trotz aller Anstrengungen entschieden isoliert. Ich möchte sogar sagen, dass Elrods Anstrengungen, seine Arbeitsmethode zu verändern, gerade diese grundsätzliche Schwierigkeit zeigen, die in der psychotherapeuti­schen Methode selbst steckt. Es handelt sich um die Schwierigkeit, die Probleme der Eskimos in den Arbeitsraum des Analytikers zu bringen. Im philosophischen und kulturellen Sinne haftet, so meinten wir, der psycho­analytischen Methode eine grundsätzlich idealistische Konnotation an. Fragen wir uns nun, warum die psychoanalytische Methode idealistische Charaktermerkmale hat. Meines Erachtens liegt die Antwort in der Ge­schichte: die psychoanalytische Methode entstand zunächst als nerven­ärztliche Antwort auf die Krise der bürgerlichen Gesellschaft am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die psychoanalytische Me­thode änderte sich im Laufe der Zeit entsprechend der weiteren gesell­schaftlichen Entwicklung. Die Psychoanalyse soll den Machthabenden zwar nicht als Massenoperation, aber als kulturelles Leitunternehmen dienen, die Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft zu verwalten, d.h. der Zersetzung der Bourgeoisie entgegenzuwirken. Insofern funktioniert die Psychoanalyse nicht im Interesse der Massen, der Neger und noch mehr der Eskimos. Sie geht nicht auf die ökonomische Basis ein. Am Ende des Artikels kündigt Elrod an, dass er den finanziellen Aspekt sei­ner Arbeit vertiefen will. Das ist sicherlich wichtig. Darüber hinaus be­steht eine Klassenschranke, die in der Tat, so möchte ich sagen, die ein­fachen Werktätigen von Gebrauch und Anwendung der Psychoanalyse trennt. In seinem ersten Beitrag hat Elrod das genau dargestellt, als er sagte: «Gut, ich habe nie die historische Möglichkeit gehabt, in einer alternativen Institution zu arbeiten.» Ich denke, dass er sich dabei auf die Praxis einer Massenpsychotherapie bezog, wie sie in gewissen öffentli­chen Diensten bei uns ausgeübt wird. Das, glaube ich, ist letztlich das Problem: die Erfahrung lehrt, dass die Art des jeweiligen Dienstes zur Erfüllung eines öffentlichen Bedürfnisses davon abhängt, wer den Dienst in Anspruch nimmt und wer den Auftrag dafür gibt. Auf unserer Aufnah­mestation haben wir in den letzten Monaten vier italienische Emigranten beobachtet, die auf der Rückfahrt von der Schweiz verrückt geworden waren und in die Irrenanstalt eingeliefert wurden. Das sind ganz andere Patienten als die, die Elrod in der Schweiz behandelt. Aus klar ersichtli­chen Gründen stellen diese Personen, die auf den Zügen des pendelnden Emigrantentums verkehren, nicht die Klientel eines Psychoanalytikers dar. Der Psychoanalytiker, der in einer starren institutionellen Situation arbeitet, wie sie in den nordeuropäischen Ländern und auch in der Schweiz vorliegt, hat keine Möglichkeit, politisch auf institutioneller Ebe­ne einzugreifen, wie es Elrods Absicht zu sein scheint. Die Klientel des Psychoanalytikers gehört zu den Privilegierten, was wiederum eine spezi­fisch ausgerichtete Ideologie begünstigt.  

GIERKE: Ich glaube, dass beim Gespräch über die Dienstleistungen der Psychotherapie oder der Psychoanalyse ein gewisses Missverständnis vorliegt. Man soll die Psychotherapie nicht als eine Sekundär- und Hilfs­wissenschaft begreifen, die notwendigerweise im Dienst der Machtha­benden stehen muss. Wir glauben, dass man die Psychoanalyse und die Psychotherapie als eine Wissenschaft bezeichnen kann, die zu einem neu­en Verständnis, zu einer neuen Betrachtungsweise führen kann. Ich glau­be, dass der Analytiker anfangs nie wissen will, welches der Inhalt des­sen ist, was der Patient ihm mitteilt, er begreift diesen nicht in seiner Sub­stanz, noch bewertet er ihn, sei es, dass es sich um eine komplizierte ma­thematische Formel handelt oder um eine einfache Angabe aus dem all­täglichen Leben. Das Problem des Analytikers besteht anfangs darin, in der Inhaltsmitteilung des Patienten den Wunsch zu erkennen, der ihn da­zu gebracht hat, diesen bestimmten Inhalt und das verkehrte Funktionie­ren des Gesellschaftlichen auszudrücken. In der Entdeckung des gemein­samen Nenners zwischen dem Nicht-Funktionieren des Gesellschaftli­chen und der Darstellung, die der Patient davon gibt, kann man Binde­glieder nach aussen finden.  

Alles hängt von der Praxis des Analytikers ab  

ELROD: Es kommt auf die Praxis des Analytikers an. Sicher kann die Analyse «hegelianisch» durchgeführt werden, dann nämlich, wenn der Analytiker sich nie beim offenkundigen Inhalt aufhält, sondern immer den dahinterliegenden sucht. In diesem Fall steht wie bei Freud die Interpreta­tion im Vordergrund. Das, was wesentlich ist, z.B. das Bild vom Eskimo, wird nie als solches verstanden, sondern wandelt sich über die Interpreta­tion in etwas, das sich auf die Vergangenheit des Patienten oder auf ir­gendeine seiner seelischen Vorstellungen bezieht. Wenn wir also Psycho­analyse praktizieren, um die kapitalistische Gesellschaft zu retten, so ist das, was gesagt wurde, wahr. Die Psychoanalyse ist eine Antwort auf die Krise des Kapitalismus und des Imperialismus. Alles hängt davon ab, ob wir mit unserer Arbeit diese Gesellschaft bewahren oder sie verändern wollen. Wenn wir daran interessiert sind, diese Gesellschaft zu retten, dann schliessen wir die Eskimos aus, wenn wir die Gesellschaft verän­dern wollen, beziehen wir die Eskimos ein.
Jung hat eine andere idealistische Interpretation der Eskimos gelie­fert. Mit seinem Verständnis des Symbolischen sagte er, dass der Eskimo als psychische Wirklichkeit nicht reduziert werden kann, und deshalb muss diese Vorstellung als wirklich begriffen werden. Insofern ist Jung ein «objektiver» Psychologe, weil er die Wirklichkeit der Psyche in ihren offenkundigen Inhalten ernst nimmt und verstehen will, ohne sie zu redu­zieren. Sein Eskimo ist aber noch nicht der wirkliche Eskimo in Alaska, sondern der Eskimo im Kopf.
Beide Vorgehensweisen, ob die von Freud oder Jung, sind idealis­tisch und versuchen, den Kapitalismus zu retten.  

Es ist idealistisch zu denken, dass Marx das Subjekt im Begriff der Klasse aufgelöst hat  

SPINELLA: Da mit dem Beitrag von Guelfi die Diskussion vom Be­sonderen zum Allgemeinen übergegangen ist, d.h. von Problemen, die di­rekt die Therapie betreffen, zu Problemen kulturellen Charakters, erlaube ich mir, das Wort zu ergreifen, da ich zu spezifischen Themen der Thera­pie nichts sagen kann. Gerade weil ich den Marxismus studiere, bin ich zutiefst und grundsätzlich anderer Meinung als Guelfi in seinem Beitrag, der wohl, wie mir scheint, und wenn ich richtig verstanden habe, radikal idealistisch ist. Ich will das nun erklären: Guelfi beruft sich irgendwie auf Hegel und irgendwie auf Marx und behauptet, meines Erachtens extrem vereinfacht, dass das Verhältnis zwischen Hegel und Marx das einer Um­kehrung wäre. Sicher, es ist ein Verhältnis der Umkehrung. Aber Umkeh­rung wovon? Das ist die Frage. Die Frage, vor der Hegel und Marx stan­den, vor der wir fast 150 Jahre später stehen, ist immer dieselbe: das Subjekt-Objekt-Verhältnis, d.h. das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und dem Universalen oder zwischen dem Einzelnen und dem Allgemei­nen, und, um die Terminologie von Marx anstatt der von Hegel zu ver­wenden, der Menschheit. Nun gut, was tut Hegel? Hegel löst in diesem Sinn, gerade weil er Idealist ist, das Subjekt im Objekt auf, das Einzelne im Geist, d.h. er vernachlässigt bis zur Entkörperung und Entmateriali­sierung das Subjekt – nicht als philosophisches Subjekt, sondern als wirkliches Subjekt, als existierendes menschliches Wesen, um einen Satz von Marx zu gebrauchen. Und was tut Marx? Er kehrt diese Position um und stellt in den Mittelpunkt seiner Analyse, seiner revolutionären Uto­pie, gerade das Subjekt, das real lebende Subjekt, wie er sich ausdrückt, das körperliche Subjekt, das, gerade weil körperlich, über das Sinnliche, über Strukturierung des Sinnlichen, all das aufnimmt, wovon es umgeben ist. Nun gerade an diesem Punkt entsteht das Missverständnis, oder kann es zumindest entstehen. Einige glauben – und das geschieht sehr oft –, dass Marx mit der Kategorie der sozialen Klasse über das Subjekt im Sinne, wie ich vorher sagte, hinausgegangen sei, aber wenn dem so wäre, hätte Marx Hegel wiederholt, er hätte ihn nicht umgekehrt, sondern hätte wiederum das Subjekt in einer Objektivität, in der Klasse aufgelöst, er hätte das Subjekt so behandelt, dass es selbst im Objekt verlorengegan­gen wäre, wobei das Objekt diesmal die Klasse ist und nicht der absolute Geist, und das ist meines Erachtens eine idealistische Lektüre von Marx, da sie die Subjektivität verleugnet, das Subjekt; dass es sich um eine ide­alistische Interpretation von Marx handelt, wird durch den Marxschen Begriff der Revolution klar. Marx hat in der Tat immer behauptet, dass die Revolution nur unter einer einzigen Bedingung möglich ist, dass die Proletarier, nicht die Klasse, sondern die Proletarier, d.h. die einzelnen Proletarier, die einzelnen Protagonisten der Revolution, aus geschichtli­chen Gründen, aus objektiv sozialökonomischen Gründen, sich durch die Erfahrung der Revolution verändern, sich verwandeln, neue Menschen werden, die fähig sind, eine neue Gesellschaft zu gründen und aufzubau­en; aber die einzelnen, die Proletarier, nicht die Klasse, die eine allgemei­ne Entität von idealistischer hegelianischer Art ist. Nun, wenn diese Inter­pretation von Marx wahr ist, die korrekteste ist – es kann natürlich sein, dass ich mich irre, wenn man einen Autor andauernd besucht, verliert man sich darin wie in einem Labyrinth – dann besteht ein tiefer und inni­ger Zusammenhang zwischen den Untersuchungen von Marx und Freud, und meiner Meinung nach ist es ein Zusammenhang, der eine kulturelle Revolution begründet, eine neue Kultur, die endlich das Subjekt, nicht die Macht, in den Mittelpunkt stellt, und nicht mehr eine abstrakte Entität wie das Geld, eine Kultur, die gerade, weil sie immer das Subjekt in den Mittelpunkt setzt, über das Subjekt sich fortlebt. Nun kann man darüber diskutieren, was das Subjekt Freuds sei. Man kann das Subjekt Freuds kritisieren, dass es zu stark an irgendwelchen zurückliegenden Ereignis­sen hängt, dass es familiär, zu familiär-sexuell sei und sonst nichts. Das alles trifft zu, es fällt in den Bereich der Diskussion, aber das Zentrum, der Kern der Freudschen Gedanken, die aufmerksame Beachtung des Subjekts, der Dialektik zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Subjekt und Wirklichkeit und zwischen Subjekt und Erfahrung, ist etwas, das zu­tiefst in den Bereich der Marxschen Gedanken fällt. Zusammen mit den Marxschen Gedanken, bei denen sie einige Grenzen korrigieren, begrün­den sie eine neue Kultur.
Unter diesem Gesichtspunkt glaube ich, dass die duale psychothera­peutische Beziehung an und für sich – sieht man vom Gebrauch ab, der davon gemacht wird – weder als konservativ-reaktionär noch als positiv­revolutionär bezeichnet werden kann. Ich glaube, dass an diesem Punkt jene Recht haben, die wie Elrod sagen, dass alles vom Therapeuten ab­hängt, von seiner Fähigkeit, eine spezifische Position im Rahmen der realen historischen Bewegung einzunehmen. Wenn der Therapeut eine Position einnimmt, die eine revolutionäre Transformation der Gesell­schaft beinhaltet, so ordnet sich die therapeutische Beziehung, falls sie gelingt, glücklich ist, wirklich dual ist und nicht nur autoritär, in den Klassenkampf für die Veränderung der Welt ein, wie viele andere Aspek­te der revolutionären Aktion, die ja nicht nur aus Streiks besteht.  

Mit der Psychoanalyse können unglückliche Knechte und Herren glückliche Herren werden  

CONTINI: Marx sagt auch, dass es nicht wichtig ist, was dieser oder jener Proletarier denkt oder über seine Absichten sagt. Wichtig ist, was er wirklich ist. Dabei stellt sich das Problem, dieses Wesen zu entschlüs­seln, und das ist ein Problem, das über das Subjekt hinausgeht, d.h. das Proletariat muss begriffen werden. Eine Frage: Verleiht die analytische Ausbildung die Fähigkeit, die verdrängten Triebe des Subjekts zu ent­schlüsseln, und was legitimiert einen dazu, die gesellschaftliche Wirklich­keit, das, was der Proletarier wirklich ist, zu entschlüsseln?  

ELROD: Die Psychoanalyse erfasst nicht, was das Proletariat wirk­lich ist. Zu Spinella möchte ich folgendes hinzufügen. Ich bin gerade da­bei, einen neuen Aufsatz zu schreiben, der mit der Herr-Knecht-Erfah­rung zu tun hat und mit der Beziehung zwischen der Erfahrung der Politik und der Politik der Erfahrung. Was Spinella gesagt hat, dass die Hegel­sche Herr-Knecht-Dialektik das Subjekt im Weltgeist aufhebt, geht in diese Richtung. Dies kann als Ausdruck der politisch-ökonomischen La­ge der damaligen Zeit gesehen werden, zu einer Zeit, in der der Mensch immer stärker Objekt einer politisch-ökonomischen Wirklichkeit wurde und sich deshalb immer mehr als Objekt erfuhr.
Marx spricht von einem lebendigen Subjekt sowohl als Individuum als auch als Klasse. Mit dem Begriff Proletarier macht Marx uns bewusst, was es bedeutet, Subjekt zu sein, als Individuum und als Klasse. In einer Ausbeutergesellschaft sind die Subjekte mehr oder weniger gestört, ent­fremdet. Mit den modernen Psychotechniken ist es öfters möglich, Selbstwertgefühle zu erhöhen und Leistungsfähigkeiten zu entwickeln, obwohl jeder einzelne weiter unter den Auswirkungen der Ausbeutung steht. In diesem Sinn kann die Psychoanalyse dazu beitragen, Systeme der Ausbeutung zu stützen: Sie soll und kann «unglückliche Herren» in «glückliche» verwandeln oder «unglückliche Knechte» in «glückliche Knechte» oder «Herren». Das nenne ich zur Zeit Politik der Erfahrung. Entscheidend ist jedoch die Erfahrung der Politik, in der das Subjekt, das sich als solches erkennt, auch den anderen als Subjekt anerkennt, anstatt nur als Objekt, als Nicht-Ich. Es handelt sich nicht um einfache Umkeh­rung der Politik der Erfahrung. In der Erfahrung der Politik erkennt man sich sowohl als individuelles als auch als Klassensubjekt – wenn auch nur ansatzweise. Diese Feststellung einer Gemeinschaft von Subjekten führt aber nicht automatisch zu einer Minderung der Herr-Knecht-Ver­hältnisse, in denen man sich begegnet. Es genügt nicht, Erfahrungen und Verhältnisse gedanklich zu unterscheiden. Die gesellschaftlichen Verhält­nisse werden noch nicht dadurch modifiziert, dass wir uns z.B. in diesem Saal gegenseitig erfahren und unter uns Solidarität empfinden. Zur Ände­rung der gesellschaftlichen Verhältnisse muss die Eigentumsfrage gestellt und im Interesse des Proletariats gemeinschaftlich gelöst werden. Ich ver­stehe sehr gut, wieso immer gesagt wird, dass die Psychoanalyse idealis­tisch sei. Sie bewegt sich meistens wirklich auf der Ebene der Politik der Erfahrung, ohne die Herr-Knecht-Verhältnisse, in denen diese Erfahrun­gen gemacht werden, so ernst zu nehmen, dass man erkennen kann, wie­so es zu dieser Selbst-Erfahrungs-Politik gekommen ist. Wir sollten wirk­lich unterscheiden zwischen Realitätserfahrungen, die die Herstellung von Bezügen zu den Herr-Knecht-Verhältnissen erschweren oder aus­schliessen und Realitätserfahrungen, die in ein kämpferisches Leben, so wie es Sève schildert, münden können.  

MARZI: Diese Überlegungen scheinen mir insofern zutreffend, als die Veränderung nicht auf der Ebene des Bewusstseins ablaufen kann, sondern dass sie auch auf einer anderen Ebene ablaufen muss und dass diese andere Ebene der wichtigste Punkt ist. Man kann nicht fortfahren, den Diskurs auf die Bewusstseinsebene einzuschränken, sondern man muss auch das, was real im Leben der Subjekte geschieht, berücksichti­gen, wozu die bestimmten politischen Verhältnisse gehören. Wenn das nun wahr ist, so scheint mir, dass wir mit beiden Füssen auf der Erde ste­hen und schauen müssen, welche Art Praxis wir als Fachleute in einem spezifischen Bereich anstreben sollten. Wir müssen in den für uns wich­tigen Beziehungen und in der Praxis das grundlegende Moment identifi­zieren, das zur Transformation oder Umkehrung der Ideologie führt. Bis jetzt, so scheint mir, haben wir diese Arbeit nicht geleistet und stattdes­sen einen langen Diskurs fast nur im Bereich der Ideologie gehalten. Mir scheint, dass wir darüber gesprochen haben, was der Psychotherapeut tun muss, um seinen Diskurs auf einen umfassenderen Bereich auszudehnen; aber wenn das stimmt, was jetzt gesagt wurde, dass nicht dort der grund­legende Punkt ist, dann müssen wir das in unserer Diskussion ernst neh­men. Der grundlegende Punkt unserer Diskussion muss sein, unsere Pra­xis und die Beziehungen, die wir in dieser Praxis haben, zu analysieren, so dass Strategien und Taktiken der Veränderung voll berücksichtigt und effektiv eingeleitet werden können. Der Augenblick ist gekommen, nicht die Bewusstseinsebene zu betonen, sondern die politische Praxis, die je­der von uns erfüllt, und das historisch-konkret und nicht von herrschender Ideologie durchdrungen.  

Politische Aktion und Veränderung der Ideologie  

ELROD: Ich sehe die Gefahr einer Spaltung zwischen politischer Praxis und Auseinandersetzung mit ideologischen Problemen. Ich meine, dass wir die Beziehung zwischen politischer Aktion und Veränderung der Ideologie gerade vertiefen müssen.  

CESONI: Mir scheint, es handelt sich hier um ein zentrales Problem, das auch bei allen Jugendbewegungen aufgetaucht ist. Die doktrinären Marxisten trennten im Grunde zu stark zwischen individuellem Leben und politischer Aktivität in den Institutionen, z.B. in der Partei. Das erste, was man tun muss, um zu vermeiden, sich auf einer von der Aktion abge­trennten Bewusstseinsebene zu bewegen, ist zu erkunden, wo einer steht, welche Klassenposition er einnimmt. Es ist klar, dass die Psychoanalyse eine bürgerliche Wissenschaft ist, aber nur wenn man das Terrain der Ak­tion wechselt, kann man sehen, ob sie ein geeignetes Instrument ist oder nicht und wie viel reale Kenntnis und praktische Veränderung sie uns bie­tet. Die Psychoanalytiker überschätzen weiterhin ihren subjektiven Blick­punkt und beharren auf ihrer bürgerlichen Klassenposition. Deshalb wer­den sie auch nie fähig sein, ihre psychoanalytischen Kenntnisse dazu zu verwenden, die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft, die real wirk­sam sind, offen zu legen. Die Psychoanalyse könnte dem Proletariat sehr wohl Waffen liefern. Alles hängt davon ab, wie die Psychoanalyse, wo sie und gegen wen sie verwendet wird.  

SOLA: Ich möchte bei der Therapeut-Patient-Beziehung zwischen der direkten dualen Beziehung und jener, die durch eine Institution ver­mittelt wird, unterscheiden. Die erste Beziehung ist elitär. Beim Patienten sind der Bewusstwerdung einer gesellschaftlichen Problematik gewisse Grenzen gesetzt. Im zweiten Fall kann aber der Patient Objekt einer ge­schlossenen Anstalt sein oder Subjekt in einer offenen, siehe Gorizia, wo er teilnehmender Protagonist wird. Im letzten Fall findet die Bewusstwer­dung im Rahmen eines anti-institutionellen Kampfes statt, der die Patien­ten auf mehreren gesellschaftlichen Ebenen durch die Infragestellung der Institution politisiert.  

ELROD: Mir scheint, dass es immer wichtiger wird, das Problem der institutionellen Autorität dialektisch zu sehen. In der Psychoanalyse kon­zentriert man sich auf die Autorität des Über-Ichs. In der institutionellen Arbeit konzentriert man sich im Wesentlichen auf die Autorität, die in und hinter der Institution steht. Die Gefahr ist, dass man bei der Auseinander­setzung mit der Institution die Wirklichkeit der verinnerlichten Autoritä­ten vergisst und den Kampf gegen die äusseren Autoritäten einseitig be­tont. Die Gefahr der Psychoanalyse ist, dass man die institutionalisierte gesellschaftliche Unterdrückung weitgehend ausblendet und nur Schilde­rungen seelischer Dramen im Rahmen der Familienchronik hören will, wobei der Einfluss des Über-Ichs keinesfalls zu kurz kommt. Wenn man ausdrücklich nur auf der einen Seite ansetzt, so ist es möglich, dass man beim Abbau der institutionellen Unterdrückung Methoden benutzt, die auf psychologischer Ebene die unerwünschte Unterdrückung nicht be­rühren, sondern fortsetzen oder gar verstärken. Wenn man hingegen vor allem an der Psychologie der Unterdrückung interessiert ist, kommt mei­stens das zu kurz, was auf institutioneller Ebene geschieht. Deshalb halte ich es für so wichtig, dass in Institutionen wie z.B. in Gorizia Personen arbeiten, die sich dieser beiden Aspekte der Unterdrückung bewusst sind.
Ich möchte mich auf das beziehen, was die Kollegin vorhin sagte. Viele Personen, die in der etwas mehr als siebzigjährigen Geschichte der Psychoanalyse gearbeitet haben, waren sehr intelligent und haben Techni­ken entwickelt sowie Kenntnisse gesammelt, die weiterhin gültig sind. Ein gut vorbereiteter Analytiker kann beachtliche Arbeit leisten. Es kommt darauf an, wie umfassend die Arbeit sein soll und kann und wel­cher Klassenstandpunkt wegweisend ist. Die Psychoanalyse und der wis­senschaftliche Sozialismus sind vor allem Antworten auf gesellschaftliche Probleme. Es liegt an uns, diese Probleme ernsthaft anzugehen und geeig­nete Methoden anzuwenden, um die gesellschaftlichen Probleme, die sich uns heute stellen, im Interesse der Werktätigen zu lösen.  

Die Psychoanalyse kann nicht das Problem der Ausschliessung lösen  

D’ARCO: Ich möchte Guelfis Bemerkungen bezüglich der Klientel wieder aufgreifen, da sie mir sehr wichtig erscheinen. Elrod bezieht sich in der Tat auf individuelle subjektive Lebenserfahrungen von Bourgeois in Richtung eines kommunistischen Bewusstseins. Das kann man auf vielfältige Weise anpeilen. Dazu bedarf es nicht der Psychoanalyse. Oder dann bezieht sich Elrod in seinem Artikel auf Personen, die Probleme mit einem Hausbau haben oder sich mit Erbschaftsfragen beschäftigen. Un­sere Patienten im Spital hingegen wurden durch eine bestimmte Wirt­schaftsentwicklung ausgeschlossen und erlebten dann eine weitere Aus­schliessung, eine vollständige, in den Institutionen. Bei uns besteht das Problem nicht mehr darin, die Widersprüche innerhalb der subjektiven Lebenserfahrung zu lösen, sondern darin, die Widersprüche innerhalb des Gesellschaftlichen zu lösen, da unsere Patienten vorrangig das Problem haben, den Verkauf ihrer Arbeitskraft möglich zu machen, d.h., ihre Aus­schliessung hat rein ökonomische Ursachen. Nicht, dass man ihre subjek­tive Lebenserfahrung nicht in Betracht ziehen will! In einer Institution können die Widersprüche zwischen der subjektiven Lebenserfahrung und dem Gesellschaftlichen nicht dialektisch sein. Die Patienten sind vielmehr ganz einfach und vollständig unterdrückt, und zwar soweit, dass wir Langzeitpatienten vorfinden, die sich nicht dialektisch mit den Problemen der Eskimos über einen Eskimo-Traum auseinandersetzen können. Ihre Geschichte ist ganz einfach die Geschichte der Katatonie oder anderer noch schlimmerer Erscheinungen. Die Psychoanalyse vermag nicht die grundlegenden Probleme unserer Klinikpatienten zu lösen, da sie nicht die notwendigen politischen Verbindungen sucht und pflegt. Die Psycho­analyse hat nicht die Möglichkeit, die Widersprüche zu re-sozialisieren, die wir innerhalb der Institutionen vorfinden. Nicht die Psychoanalytiker, sondern wir lernen, die Klassenangehörigen mit einzubeziehen, von de­nen die Internierten ausgeschlossen sind.  

ELROD: Es ist sicher nachweisbar, dass sehr viele Klinikpatienten nie oder sehr schwer ein Verständnis für die Probleme der Eskimos er­langen werden, aber grundsätzlich ist es möglich, dass jeder auf seine Art fähig ist, die Eskimos unabhängig von der eigenen sozio-ökonomischen Lage zu verstehen wie jeder von uns in diesem Saal. Du entwirfst eine Theorie der Therapie für privilegierte Patienten und eine Theorie für die Ausgeschlossenen in den Institutionen. Du gibst uns zu verstehen, ein Langzeitpatient sei unfähig, sein Klassenbewusstsein zu entwickeln. Das entspricht nicht meiner Erfahrung. Mir scheint das gefährlich, was du sagst.  

Es genügt nicht, gegen die institutionelle und interiorisierte Autorität zu kämpfen. Man muss sich dem proletarischen Klassenkampf anschliessen  

MARZI: Mir scheint, dass die Behauptung von der Untrennbarkeit des Kampfes gegen die institutionalisierte Autorität und des Kampfes ge­gen die Verinnerlichung der Autorität absolut wahr ist. Von dem Augen­blick an, wo dieser Kampf auf beiden Fronten geführt wird, werden Fra­gen der Verbindung mit dem proletarischen Klassenkampf sehr dringlich. In einer Institution können wir den Kampf gegen die institutionelle und gegen die verinnerlichte Autorität führen, aber nach einem gewissen Rei­feprozess stellt sich die Frage nach der Verbindung mit dem proletari­schen Klassenkampf. Wenn diese Brücke nicht geschlagen wird, ist eine Befreiung von der institutionalisierten und verinnerlichten Autorität nicht zu erreichen.  

ELROD: Das wollte ich auch sagen, als ich von den Ausbeutungs­verhältnissen sprach, die den Erfahrungen entgegenstehen. Wenn die Er­fahrungen, die wir in der Psychotherapie und bei der Arbeit in den Insti­tutionen machen, nicht auf den konkreten Kampf bezogen werden, in dem wir leben und der unsere Existenz bestimmt, machen wir Musik auf ei­nem untergehenden Schiff.  

GUELFI: Wenn ich die Beiträge zusammenfasse, die bis jetzt geleis­tet wurden, so sehe ich einen möglichen Ansatzpunkt bei Elrod, der sagt: «Wenn ich mich einem Patienten nähere, erlebe ich ihn auf seine Art als einen Soldaten der grossen Armee, die gegen die Unterdrückung kämpft, als einen Tupamaro, einen Vietcong usw., ohne es ihm zu sagen. Für mich liegt ein grundsätzliches Problem darin, das vorgefundene Bezugs­feld des Patienten zu erweitern.» Elrod zitiert einige klinische Beispiele. Mir ist der Fall Johannes Müller in Erinnerung geblieben. Müller hatte keine Symptome mehr, aber eine merkliche Erweiterung seines Bezugs­feldes fand nicht statt. Elrod zitiert diesen Fall als Beispiel für eine be­schränkte Bewusstseinserweiterung im Rahmen des therapeutischen Pro­zesses. Sich als einen Verbündeten der unterdrückten Person zu betrach­ten, mit der man eine therapeutische Beziehung eingeht, scheint mir der fortgeschrittenste Punkt zu sein, zu dem die psychoanalytische Praxis ge­langt und gelangen kann. Heute können wir Elrods Beitrag als Ausdruck seiner Praxis als fortgeschrittenstes Moment der Psychoanalyse betrach­ten. An diesem Punkt kommt Marzis Vorschlag zur Geltung, wenn er die Praxis in Gorizia beschreibt, die wir in Arezzo übernehmen wollen. Wenn die Machtebenen nicht in einer Zweierbeziehung, sondern in einer grösseren kollektiven Beziehung verifiziert werden, taucht in der instituti­onellen Praxis ein objektives Problem auf, das in der psychotherapeuti­schen Praxis nicht existiert: die aktive Verbindung zur Wirklichkeit des proletarischen Klassenkampfes. In diesem Fall ist eine gegenseitige Veri­fizierung zweier Realitäten notwendig. Hier greife ich die Überlegungen nicht mehr auf, die ich ziemlich flüchtig skizziert habe. Ich bin soweit mit Spinella einverstanden, aber es ist notwendig, auch vom theoretischen Standpunkt aus weiter voranzuschreiten. Die Wirklichkeit der psychothe­rapeutischen Beziehung drückt sich in der Notwendigkeit aus, bestimmte Widersprüche zu lösen, die typisch bürgerliche Widersprüche sind, im Bereich der Bourgeoisie besondere Lebensprobleme schaffen. Das Pro­blem, das D’Arco vorher bezüglich der Art der Patienten aufgeworfen hat und das wir ohne Ausnahme in den Fällen, die Elrod in seinen Schriften erwähnt, bestätigt finden, zeigt, dass, wer in den Institutionen arbeitet, sich in den für die proletarische Lage typischen Widersprüchen bewegt. Es ist klar, dass die bürgerlichen Klienten wegen ihrer Klassenstellung ihr grösstes Interesse daran haben, den Klassenkampf zu negieren, zu ver­dunkeln, ihn nicht zu berücksichtigen, mit falschem Bewusstsein an ihn, an seine Wirklichkeit, an seine Drohung heranzugehen, während die Wi­dersprüche des Proletariats direkt zum Klassenkampf führen, und das ge­schieht auf natürliche Weise. Um auf das Theorie-Praxis-Verhältnis ein­zugehen, es passt mir, wie Elrod es anpackt. Du steckst in der Praxis, du machst bezüglich der Probleme, auf die du stösst, einen gewissen Rei­fungsprozess durch, dann verbesserst du deine Praxis, deine Verbindun­gen wachsen, du gewinnst eine noch grössere Fähigkeit, gewisse Dinge theoretisch auszuarbeiten. Das ist ein materialistisch-dialektischer Pro­zess der Vertiefung der Erkenntnis und der Vertiefung der Praxis. Von diesem grundsätzlichen Punkt muss man ausgehen und fortschreiten. Sonst hat es den Anschein, dass man sagt, die Psychoanalyse sei links- oder rechtsgerichtet, wie im letzten Teil des Beitrags von Spinella ange­klungen ist. Die Psychoanalyse ist weder links- noch rechtsgerichtet. Sie ist wie die institutionelle Arbeit Ergebnis einer gesellschaftlichen Situa­tion. Sowohl der Psychoanalytiker als auch der Irrenarzt entsprechen zu­nächst gewissen institutionellen Erwartungen. Dabei haben wir die Rolle des Intellektuellen im Rahmen eines revolutionären Prozesses überhaupt noch nicht besprochen.  

MARZI: Ein konkretes Beispiel zu dem, was Guelfi gesagt hat: Nachdem Johannes Müller bis zu einem bestimmten Grad gewisse per­sönliche Probleme überwunden hat, die ihn hinderten, sich bewusst mit allgemeineren gesellschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen, somit in die oben beschriebene Lage gekommen ist, sieht er sofort das Problem der Veränderung der Wirklichkeit, da er ein Proletarier ist.  

GUELFI: Vor zwei Tagen haben wir uns mit zwei Jungen, beide Psychotiker, beschäftigt. Der eine war fünf Jahre in traditioneller psychi­atrischer Verwahrung gewesen, der andere erst einige Tage interniert. Beide unternahmen gemeinsam eine Reihe von Überlegungen und Prü­fungen ihrer persönlichen Probleme und der Probleme der Ausschlies­sung. Nachdem beide gemeinsam zu einem gewissen Punkt gelangt wa­ren, erkannte typischerweise der mit bürgerlicher Herkunft ganz klar, dass der nächste Schritt ihn zum Kampf für die Veränderung der Wirk­lichkeit führen würde. In diesem Moment der Verifizierung sagte er ta­delnd: «Aber ihr seid Kommunisten!» Er drückte damit aus, dass er sich nicht auf diesem Boden bewegen könne.  

Die Gefahr der Manipulation  

CARERE: Mir scheint, dass Guelfi recht hatte, als er behauptete, dass die institutionelle Arbeit einen unersetzlichen Vorteil gegenüber der psychotherapeutischen Arbeit in einer Privatpraxis hat. Die Psychothera­pie in der Zweierbeziehung kann das Bezugsfeld erweitern, nicht aber wie die institutionelle Arbeit sich dem proletarischen Klassenkampf an­schliessen. Meines Erachtens sollte man in der Psychoanalyse nicht ver­suchen, diesen unüberwindlichen Nachteil zu beseitigen. Was mehr zählt, ist das Erfassen der Spezifizität der analytischen Praxis gegenüber der Spezifizität der Praxis des Klassenkampfes. Ich möchte mich auf das Ge­spräch beziehen, das ich mit Elrod vor der Versammlung geführt habe. Ich greife auf Freud zurück, der ausdrücklich der Ansicht war, dass die Psychoanalyse Analyse sei, nicht Psychosynthese. Sie sei eine entmystifi­zierende Praxis, die in Richtung eines Abbaues des falschen Bewusst­seins der neurotischen Haltung arbeite. Sie selbst solle sich nicht explizit mit dem Wiederaufbau der gesunden Persönlichkeit befassen. Es ist klar, dass eine derartige Entmystifizierungsarbeit nur erfolgreich sein kann, wenn sie einen alternativen Ansatz verfolgt. Sie darf nicht ausschliesslich negative Begriffe benutzen. Es muss ein Bezugsmodell geben – das kann das gesunde Individuum sein, die kommunistische Gesellschaft, in deren Richtung wir gehen –, das ist klar. Die Frage ist, auf welche Art und Weise diese alternativen Projekte handhabbare Praxis werden können. Das falsche Bewusstsein überwindet man nur in der Praxis. Das Gegen­teil des falschen Bewusstseins ist nicht das wahre Bewusstsein, sondern die Praxis. Diese alternative Praxis muss die Kraft sein, die das falsche Bewusstsein entmystifiziert, nicht die Pädagogik. Hierin liegt der Mangel, den ich bei Elrods Ansatz sehe. Die Einführung marxistischer Begriffe in die psychotherapeutische Praxis halte ich für erzwungen. Wie finden die marxistischen Begriffe dort Eingang? Die psychoanalytische Praxis hat eine bestimmte Spezifizität, besteht aus Übertragung und Gegenübertra­gung. Die Psychoanalyse ist imstande, das neurotische falsche Bewusst­sein zu überwinden und kann zu einer allerdings deutlich beschränkten, partiellen Befreiung führen. Sie kann nicht mehr leisten, da die Wurzeln des Übels in einer umfassenden Entfremdung liegen, die nur mit dem Klassenkampf angegangen werden kann. Die Psychoanalyse kann, wie gesagt, einige Dinge ändern, aber wie soll man glaubhaft vom Neger sprechen, vom Eskimo, vom Ausgebeuteten, wenn man in einem Sessel sitzt, einem anderen gegenüber, der auch im Sessel sitzt und dem man am Ende der Stunde 10 000 Lire gibt. Was ist das für eine Praxis? Für mich ist das unglaubwürdig, Propaganda. Auch wenn Elrod meint, das sei kei­ne Propaganda, bleibt es dennoch für mich Pädagogik, Gewalttätigkeit. Der Analytiker nutzt seine Machtposition aus, um dem Patienten abstrakt richtige Begriffe einzugeben, die aber das falsche Bewusstsein reprodu­zieren, da sie sich nicht in Praxis verwandeln.  

ELROD: Natürlich, da wir alle Produkte eines entfremdeten Lebens sind, werden wir in der Therapie selbstverständlich gewalttätig sein. Wir werden auf die eine oder andere Art versuchen, die Person, die Hilfe sucht, zu manipulieren. Deshalb stimmt es, wenn du von den Gefahren der Propaganda, der Slogans und der Klischees sprichst. Es ist auch wahr, dass es sehr schwierig ist, in der psychotherapeutischen Situation direkt auf die gesellschaftlichen Probleme einzugehen, die ich für die al­lerwichtigsten halte. Jawohl, das hat mit Pädagogik, mit Erziehung, zu tun. Soweit die Psychotherapie nicht wirkliche Befreiung ist, läuft sie Gefahr, dass im Über-Ich die bestimmende Autorität nur ausgewechselt wird. Der Patient erlebt nicht mehr die Eltern, sondern den Analytiker als massgebend. Gerade diese Gefahr macht die Psychotherapie häufig so schwierig und zeitaufwendig und in vielen Fällen unbefriedigend im Hin­blick auf den proletarischen Klassenkampf. Nur wenige Personen, die ich kennen lerne, gelangen zu einem wirklichen Interesse für die Welt. Aber deine Vereinfachung des Problems hilft nichts. Möglicherweise habe ich dich nicht richtig verstanden. Mir scheint, du siehst die Psychoanalyse zu vereinfacht. Für Freud besteht die Psychoanalyse nicht nur aus Übertra­gung und Gegenübertragung. Freud behauptete nicht, dass er kein Inter­esse an der Synthese habe. Er wollte glauben, diese komme von selbst, wenn man psychoanalytisch korrekt arbeite. Ich stimme dir zu, dass wir nicht einer Meinung sind.  

TRANCHINA: Ich habe den Eindruck, Carere sieht eine manipulative gewalttätige Entmystifizierung des falschen Bewusstseins, die er Pädago­gik nennt und stellt sie einer neutralen Praxis gegenüber, die auf ruhige Weise und mit der Respektierung wissenschaftlicher Vorgehensweisen geschieht. Bei der letzteren weiss man nicht, wo man sie einordnen soll. Meines Erachtens müssen alle diese Überlegungen auf dem Hintergrund des Klassenkampfes gesehen werden. Die Entmystifizierung des falschen Bewusstseins ist für den Bourgeois immer ein gewalttätiger Vorgang, der ihn vor Entscheidungen stellt, die von ihm verlangen, dass er mit seiner Vergangenheit bricht, um zu etwas Neuem zu schreiten. Das verstrickt ihn in neue Widersprüche, die häufig sehr schwierig sind, vor allem wenn wir uns an den Konflikt zwischen rückständiger und fortgeschrittener Li­nie erinnern, der, wie Piro sagt, am Grund der Neurose liegt. Unser Ge­spräch über Gewalttätigkeit und Manipulation zeigt, dass die angenom­mene Neutralität der Wissenschaft für die ausgebeuteten Klassen keine Relevanz hat, da sie jeden Tag Gewalttätigkeit erleiden. Diejenigen, die in einer Irrenanstalt landen, müssen die Gewalttätigkeit des Systems auch in Form der Ausschliessung ertragen. Die Behauptung, dass eine be­stimmte Praxis oder eine bestimmte Vorgehensweise Pädagogik über die Köpfe der Leute weg sei, scheint zu vergessen, dass gerade diese Art der Pädagogik, der Entmystifizierung, zum Kampf für die globale Verände­rung der Gesellschaft beitragen kann. Andernfalls lässt man den Personen ihr falsches Bewusstsein. Man lässt sie z.B. glauben, dass die Geistes­krankheit vom Himmel kommt oder mit irgendeinem Enzym verbunden ist, ohne spezifische soziale Tatsachen zu berücksichtigen.  

Einige Illusionen von 1968 sind zu Fall gekommen  

GUELFI: Ich bin mit Tranchinas Auslegung der vorangegangenen Beiträge nicht einverstanden. Tranchina behauptet meines Erachtens, dass man im Rahmen der psychotherapeutischen Praxis zu einer Ebene gelangt, deren höchster Punkt, wie von Elrod vorgeschlagen, eine Erwei­terung des Bezugsfeldes ist, ein Verbundensein mit dem Patienten, der einerseits seine persönlichen Schwierigkeiten überwindet und sich darü­ber hinaus an einem grossen Unternehmen zur Veränderung der Welt mitbeteiligt fühlt. Diese Art innerer Veränderung verlange nicht von sich aus den weiteren Schritt zur Veränderung der Welt, den der proletarische Klassenkampf darstellt. Wir haben hingegen gesagt, dass sich in der in­stitutionellen Praxis der Zugang zum proletarischen Klassenkampf – von gegenteiligen, repressiven Positionen abgesehen – von alleine einstellt, der natürliche Ausweg ist.
Elrod drückte sich klar aus. Er arbeitet wie im Aufsatz dargelegt, weil er in der Schweiz lebt, wo keine alternative Praxis, wie wir sie an­streben, im Aufbau ist. Entsprechend der gesellschaftlichen Verhältnisse sind dort die Institutionen so gestaltet, gerade um dem proletarischen Klassenkampf keinen Raum zu geben. Wir wissen übrigens sehr gut, dass dieser Zustand zu den charakteristischen Merkmalen des fortgeschritte­nen Kapitalismus zählt, wie er in der Schweiz, in der Bundesrepublik Deutschland und in Teilen Nordeuropas existiert; allerdings spitzen sich gerade innerhalb dieser Länder die grossen Widersprüche derart zu, dass die englischen Hafenarbeiter oder die schwedischen Bergarbeiter die Geduld verlieren und drei Monate streiken und dadurch das System an den Rand einer Krise bringen. Auf diesem Hintergrund ist Elrods Ein­schätzung der Lage zu sehen, die das Primat und die grössere politische Wirksamkeit unserer institutionellen Arbeit bestätigt. Diese Aussage muss ich aber weiter präzisieren.
Es scheint mir, wir seien in die Jahre 1967 und 1968 zurückgekehrt, als wir glaubten, der Hauptweg der Revolution führe über die Irrenanstal­ten und über die anti-institutionelle Arbeit. Inzwischen haben wir aber ei­niges gelernt. Ich glaube, kaum einer von uns möchte diesen Weg weiterverfolgen. Wir sind heute bemüht, den Hauptweg zu verfolgen, d.h. die Verbindung mit den realen Kräften der Arbeiterbewegung auszubauen, mit den Protagonisten des historischen Prozesses, der sich Klassenkampf, proletarische Revolution, nennt. Trotz aller Gegensätze, die unter den Linken in Italien bestehen, hat jeder meiner Meinung nach genügend Raum, sich zu entfalten, auch wenn alle Beteiligten frustriert sind, da die Situation nun auch wieder nicht so schön ist. Mir scheint, es bestand 1968 eine gewisse Hoffnung, ein individueller Plan, der sofort zu einem kollektiven wurde, über den langen Marsch durch die Institutionen zur Revolution zu gelangen, ohne dass man sich wirklich mit den spezifi­schen Trägern des proletarischen Klassenkampfes verbinden müsse. Das muss gesagt werden. Was mich betrifft, arbeite ich nicht in den Institutio­nen, weil hier etwa die revolutionären Prozesse stattfinden. Ich kann es selbst nicht erklären, warum ich darin bleibe. Mir geht es vermutlich wie Elrod. Ich bleibe darin, weil dies meine Arbeit ist. Meine fachlich-politi­sche, institutionelle Praxis an sich als revolutionär zu bewerten, scheint mir etwas ausserhalb der gegenwärtigen historischen Phase.  

CESONI: Ich bin nicht damit einverstanden, dass 1968 die Illusion bestand, die Revolution über die Institutionen zu machen. Vielleicht war das deine persönliche Illusion oder die einiger Gruppen. Meines Erach­tens trafen damals viele die Entscheidung – leider waren es vornehmlich noch Intellektuelle –, die eigene marxistische Analyse nicht im Studier­zimmer auslaufen zu lassen, sondern sie mit der Arbeit in den verschie­denen gesellschaftlichen Bereichen zu verbinden. Damals geschah das spontan, heute müsste man es theoretisch besser vorbereiten. Ich glaube, dass kein Student, der an der Gründung von Arbeitsgruppen in den Insti­tutionen beteiligt war, die Hoffnung hegte, die Revolution zu machen, wobei andere auch Kontakte mit Fabrikarbeitern und anderen Werktäti­gen suchten. Das wichtigste Ereignis war die Tatsache, dass Personen bürgerlicher Herkunft endlich die Beine bewegten, sich umschauten und beschlossen, ihre Arbeit in einer korrekten Parteinahme mit den Proletari­ern aufzunehmen. Von daher muss sich die theoretische marxistische Analyse bereichern, in der Verbindung des eigenen kulturellen und des marxistischen Erbes mit der täglichen Praxis.
Ein Psychoanalytiker, der in den Institutionen arbeiten will, muss seine Praxis überprüfen, inwiefern sie im revolutionären Sinn die marxis­tische Analyse bereichert. Unter anderem ist es wichtig, dass Arbeitskol­lektive bestehen und dass die Entwicklung der Theorie kollektiv vonstat­ten geht unter Beteiligung des Psychoanalytikers.  

GUELFI: Ich wollte kein umfassendes Urteil über die Bewegung von 1968 abgeben. Ich wollte vielmehr eine bestimmte Richtung isolieren, die auch heute noch ihre Epigonen hat. Diese Leute sprechen von «Irrenkol­lektiven» als einem Instrument für die institutionelle Umkehrung und/oder für die Revolution. Und ich sage dir noch mehr. In einer Zeitungspole­mik, in die wir in Arezzo mit der Tageszeitung La Nazione verwickelt waren, gab es jemanden, der uns vorwarf, auf dieser Linie zu liegen; des­halb war mein Hinweis nicht zufällig.  

TRANCHINA: Auch wenn wahrscheinlich die einzelnen Beiträge nicht immer aufeinander abgestimmt waren, scheint mir, dass wir das Treffen trotzdem mit einer positiven Bilanz abschliessen können. Ich danke allen Teilnehmern, vor allem Susanna Maiello für ihre Überset­zungsarbeit.

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1. Überarbeitete Fassung des Tonbandprotokolls der Diskussion. Erstveröffentlichung in italienischer Sprache unter dem Titel «Resoconto dell’ultima riunione, Milano, 7 ottobre 1972» in Fogli diinformazione, 1972, Nr. 02, S. 44–62.