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1972

Eine Orientierung über meine psychotherapeutische Praxis

von Norman Elrod



Aus Auf der Suche nach dem gemeinsamen Grund. Psychoanalyse und Demokratische Psychiatrie im Austausch (1993), herausgegeben von Hans Red, Band I, S. 33–64.

Erstveröffentlichung in italienischer Sprache unter dem Titel «Un orientamento sulla mia pratica psicoterapeutica» in Fogli di informazione, 1972, Nr. 01, S. 1–28, aus dem Deutschen übersetzt von Ada Cimato. Erstveröffentlichung in deutscher Sprache in the human context, Volume V, No 3, Autumn 1973, S. 577–600. Erstveröffentli­chung in englischer Sprache ebenda, S. 601–621, aus dem Deutschen übersetzt von Arno Pomerans.

Mein psychotherapeutischer Umgang mit Menschen hat beruflichen Charakter. Ich habe mich zur Ausübung der Arbeit allgemein und speziell ausbilden und fortbilden lassen, habe meinen Kollegen schriftlich und mündlich wiederholt von meinen Ideen und Therapien berichtet und mich Fachorganisationen angeschlossen, die die Ausbildung und Praktiken der Psychotherapeuten überwachen und eine höhere Qualität der Dienstleis­tung anstreben. Meistens sehe ich die Menschen, die meine Dienste in Anspruch nehmen, zu geregelten Zeiten und für eine bestimmte Dauer. Meine Leistungen werden zumeist mit Geld honoriert. Kurz: ich verstehe mich als Fachmann der Psychotherapie, der Klienten empfängt und ihnen zu helfen versucht. In dieser Identität – also als Spezialist für Psychothe­rapie – sehe ich mich weitgehend detachiert, Objektivität anstrebend, wissenschaftlich beobachtend und eingreifend wie ein Chirurg. Men­schen, die zu mir kommen in der Annahme, dass sie von einem ausgebil­deten, erfahrenen, eher kühlen Fachmann auf dem Gebiete der Psycho­therapie betreut werden, denken also zunächst wie ich selbst über mein Angebot. 1)

Die objektivierende, professionelle Dimension der psychotherapeuti­schen Beziehung ist aber in meinen Augen nicht die einzige Basis des Kontaktes. Ich denke, persönliche Momente spielen mit, und diese wir­ken so auf mich, dass ich die Behandlung im Sinne des Zusammentragens einer Last erlebe; ich fühle mich dem Patienten nahe und sehe uns in Partnerschaft. Ich werde also persönlich, rede von mir als Norman Elrod und nicht nur von mir als Therapeut. Durch Identifikation mit dem Patien­ten und den Problemen, mit denen er sich beschäftigt, werde ich in der Beziehung zu ihm engagiert. Der Kontakt wird zu einer kostbaren Erfah­rung, und die merkliche Kluft zwischen Fachmann und Laien, die Asym­metrie, die den professionellen Aspekt unseres Verhältnisses auszeichnet, bekommt in diesem Licht einen neuen Stellenwert. Im persönlichen Be­reich sehe ich schlichtweg zwei Menschen, die einander helfen wollen und es auch versuchen, wenn auch der Patient es nicht merkt, dass er mir etwas Persönliches bedeutet und mir Wichtiges vermittelt.

Diese zwei Dimensionen der psychotherapeutischen Beziehung – die professionelle und die persönliche – sind schon lange bekannt und eindrucksvoll beschrieben worden. Ich denke, dass es aber mindestens noch eine Dimension in meiner Praxis gibt, und bin erst im Laufe der letzten zwei Jahre dahintergekommen, diese etwas besser zu verstehen und zu beschreiben. Die Patienten und mich sehe ich also in weiteren Sinnzusammenhängen, die sie selbst teils entdecken und anerkennen, teils nicht merken und so weder anerkennen noch ablehnen können.

In meinen Augen gehören die Patienten, mit denen ich zusammenar­beite, zu denjenigen, die sich gegen Unterdrückung wehren und sich für ihre Befreiung einsetzen, auch wenn die Formen ihrer Emanzipationsver­suche kaum den Anschein von Gesundheit und Beweglichkeit erwecken. Einen Patienten in meiner Praxis erlebe ich als einen wissenden oder un­wissenden Mitstreiter gewisser organisierter mir bekannter Freiheits­kämpfer, wie z.B. der Vietcongs, der Black Panther Party, der Tupama­ros und The Survival of the American Indian, Inc. Selbstverständlich kann ich mich jeweils irren, wenn ich mir meine Patienten in einem mehr­fachen, weltweiten Streben gegen Unmenschlichkeit und für Gerechtig­keit, Gesundheit und Erfüllung vorstelle. Doch auf den speziellen Inhalt meiner Vorstellung kommt es nicht wesentlich an; die einzelnen Namen der Freiheitskämpfer und -verbände ändern sich, und ich kann selten ge­nau wissen, ob die einzelnen und die Gruppen, die ich bislang für souve­rän gehalten habe, meinem Verständnis eines echten Freiheitskämpfers noch entsprechen. Viel wichtiger ist die Idee, dass meine Patienten und ich nicht alleine der Macht der gestörten und störenden Eltern und Schwiegereltern, des einengenden Ehepartners, des bedrückenden Über-Ichs, der traditionell oder modisch durchtränkten Kollektivmoral, der lästigen Fehlentwicklung oder der hartnäckigen Symptome, usw. gegen­überstehen. Das Anliegen der Patienten gegen lebensfeindliche, irrationa­le Unterdrückung und für die Befreiung aus manchen Fesseln der Ent­fremdung kommt in verschiedenen Formen und an vielen Orten gleich­zeitig zum Ausdruck. Die Patienten haben unzählige unbekannte Kamera­den in ihrem Ringen um Sein und Werden, und wenn sie betont psycholo­gisch mit den verheerenden Folgen einer römisch-katholischen Gewis­sensbildung zu kämpfen haben, so haben andere sich betont politisch und ökonomisch mit den Folgeerscheinungen der Dreiheit römisch-katholi­sche Kirche – Grossgrundbesitzer – Militär auseinanderzusetzen.

Ich glaube, dass die meisten Patienten, die ich behandelt habe, also die Menschen, denen ich als Partner beizustehen versuchte, die Tragwei­te meines Vorgehens, ja meine Haltung überhaupt, kaum verstanden. Ich denke, viele von ihnen haben immer wieder unseren Kontakt auf der be­ruflichen Ebene für selbstverständlich und ausreichend gehalten und von mir stillschweigend erwartet, dass ich ihnen so helfen würde, dass sie im Beruf leistungsfähiger und in der Freizeit glücklicher werden. Ihre Symp­tome wollen sie gewiss in den allermeisten Fällen loswerden, und eine allgemeine Stärkung ihres Selbstwertgefühls schien ihnen als Wunsch selbstverständlich zu sein. Dass wir bei der Arbeit auf diese Ziele hin ein­ander näher rücken würden, hätte ihnen wahrscheinlich eingeleuchtet; dass ich sie und mich zusammen in einer gemeinsamen Auflehnung gegen Willkür und Tyrannei, gegen Rassismus und Faschismus, gegen Kapita­lismus und Imperialismus, gegen Stalinismus und mancherlei Formen des Chauvinismus erleben würde, hätte sie wahrscheinlich stutzig gemacht, besonders weil viele von ihnen wenig oder fast nichts über die kompli­zierte Phänomenologie der Unterdrückung wussten.

Ich sehe mich allerdings auch als Vertreter der Mächte, die die Pati­enten zum Teil krank gemacht und gehalten haben. Als Vater bin ich mir meiner Teilnahme an der Entstehung seltsamer, bedenklicher Über-Ich-Instanzen bewusst, und in meiner pädagogischen Tätigkeit merke ich, wie ich in der Mitgestaltung des Unterrichts die Schüler und Schülerinnen mehr oder minder über- und unterfordere; auch als Empfänger der Hono­rare komme ich immer wieder dazu, die Frage aufzuwerfen, ob meine Finanzpolitik sozial ist, wobei ich Fälle möglicher Ausbeutung entdecke. Wie im Verhältnis Vater/Sohn, Vormund/Mündel, Lehrer/Schüler, usw. sehe ich mich aus Gründen der Interessenunterschiede nur bedingt als Partner der Patienten. Meine vitalsten, nächstliegenden Interessen haben mit mir selbst, meiner Frau und meinen Kindern zu tun, und ein Patient würde sich sehr wahrscheinlich schwer täuschen, wenn er annehmen würde, ich stünde ihm näher als meiner eigenen Familie.

Aber wie gesagt, viele Patienten erwarten nicht ausdrücklich solche Zeugnisse der Verbundenheit von mir. Sie wollen vorwiegend in der The­rapie eine Beseitigung ihres Leidens erreichen, eine Besserung im Beruf, eine vollere Befriedigung im Verkehr mit den Mitmenschen und die Ent­deckung einer Lebensweise, die ihnen wirklich zuspricht und auf eine Entwicklung in die Zukunft hinweist. Das Netz von Formen der Bezogen­heit, die ich mir als ihr Therapeut vorstelle, käme ihnen vielleicht sogar unerwünscht, falsch, hässlich, abstossend und verwerflich vor. Immerhin stelle ich fest, dass ich meine Psychotherapie immer mehr in diesen Bil­dern und Begriffen verstehe, auch wenn ich die meisten meiner Patienten kaum etwas von alledem wissen lasse.

Kurz: das Verhältnis zwischen dem Patienten und mir besteht aus beruflichen Forderungen und Dienstleistungen meinerseits und klientelen Entsprechungen seinerseits. Auf dieser Ebene denkt der Patient meistens an sich und an sein Wohlsein. Es geschieht jedoch oft, dass der Patient nur zu sich und zu seinem Wohlsein gelangen kann, wenn die professio­nelle Beziehung durch eine persönliche Kollaboration ergänzt wird. Wenn aber der Patient zu meinem Partner wird, werde ich ihn im Zusam­menhang mit denjenigen Personen sehen, mit denen ich mich persönlich verbunden fühle und mit denen ich nach gemeinsamen Zielen strebe. Da ich aber selbst nicht ausschliesslich für meine Verbündeten da bin und sogar auf manche Art gegen sie vorgehe, sind die Patienten genötigt, mir nur bedingt zu vertrauen und mich immer wieder kritisch zu prüfen. Die unterschiedlichen Standpunkte und Interessen, die verschiedenen Ver­pflichtungen und Positionen im Entwicklungsprozess, wohnen stets der Beziehung zwischen Patient und Therapeut inne, auch wenn der Patient es kaum merkt und der Therapeut es selten erwähnt.

Um diese von mir erlebte Basis meiner psychotherapeutischen Praxis vollständiger aufzudecken, möchte ich nun einige Ideen erörtern, die im Laufe der Zeit immer mehr meine Auffassungen und Interessen ausdrü­cken und mein Vorgehen und meine Haltung in der Therapiestunde beein­flussen. Diese Gedanken haben selbstverständlich mit meinen unausge­sprochenen Werturteilen und Zielvorstellungen zu tun, weisen also auf Inhalte und Phänomene hin, die ich schätze oder ablehne.

Ich schätze z.B. die Idee, dass vieles, was wir gewohnt sind, relativ isoliert zu betrachten, erst in kleinen und grossen Zusammenhängen an­nähernd adäquat verstanden werden kann. Auch denke ich, dass wir uns öfters just gegen eine solche umfassende Betrachtungsweise wehren und so nötige Schritte zum Schutze des Menschen und zur Sozialisierung der Welt verlangsamen, bremsen oder vermeiden. Zwei häufige Formen die­ses Widerstands nenne ich, wie andere auch, Rationalisieren und Mani­pulieren. In partner- und gemeinschaftlichen Erlebnissen sehe ich einen Weg zur Veränderung dieser Widerstände, besonders wenn die Erfahrun­gen des Miteinanderseins im Zusammenhang mit der Entwicklung eines kritischen politischen Verhaltens stehen. Nun wissen wir schon lange, dass viele Menschen eine Weile den Versuch machen, einige der wirkli­chen Probleme dieser Welt zu verstehen und diese schrittweise oder ge­waltsam zu beheben. Aber nur eine Zeitlang! Der Erfolg scheint meistens sehr klein, die Forderung zu gross zu sein. Und auf breiter Basis wachsen Verunsicherung, Angst, Ärger und Gefühle des Nicht-verstanden-Wer­dens, Gefühle der Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit. In einer solchen Krise spielen Mut, Vertrauen und Gemeinschaft eine wesentliche Rolle. Mut brauchen wir, um die Desorientierung und Furcht auszuhalten, die durch die schrittweise Aufhebung der Gespaltenheit entstehen. 2) Und wir brauchen Mut, wenn wir das Sein in seinen verschiedenartigen, öfters er­schreckenden Erscheinungsweisen sehen und lebensgerecht handeln wol­len. Doch ohne Vertrauen in den Wert des Einsatzes verlieren wir nach geraumer Zeit die Lust am Erkennen und die Freude am Tun. Alleine können wir aber unser Wirken nur ungenügend beurteilen, darum tut es uns not, in Gemeinschaft zu stehen mit zugleich kritischen und verständ­nisvollen, fordernden und geduldigen, versagenden und helfenden Mit­menschen. Kurz: die Probleme, mit denen sich der einzelne beschäftigt, und die, mit welchen die Allgemeinheit sich befasst, versuche ich zusam­menhängend zu verstehen und auf mannigfache Weise zu beeinflussen.

Wenn z.B. ein Neger oder eine Negerin im Traume des Patienten vorkommt, kann es sehr wohl geschehen, dass ich diese Figur als ein Zei­chen verstehe, das eventuell auf konkrete Erlebnisse in der Vergangen­heit des Patienten hinweist. Die Erscheinung – gleich ob sie auf- oder zu­deckt, offen oder verschleiert befriedigt – reizt zum Nachdenken über das faktische Leben des Patienten, über seine Lebensgeschichte, über das, was ihm früher zugestossen ist oder was er damals gedacht, gefühlt, phantasiert oder getan hat. Der Neger oder die Negerin im Traume des Patienten kann aber auch unterentwickelte Fähigkeiten und Verhaltens­möglichkeiten darstellen. In diesem Zusammenhang sehe ich den Patien­ten mit dem Noch-nicht-Verwirklichten konfrontiert, sein Blick wird auf die Momente der Realisierung gerichtet. Was im persönlichen Leben, eventuell auch in einem Teil der herrschenden Allgemeinheit durch Gene­rationen hindurch brachgelegen ist, scheint sich dann in der Form eines Negers oder einer Negerin zu bekunden. Nun wirkt meistens diese Er­scheinung so auf mich, als sollte die Potentialität, die sie darstellt und die im Traum schon verwirklicht worden ist, im wachen Leben aktualisiert werden, auch wenn die Aktualisierung nur darin bestünde, dass der Pati­ent bejahend mit der schwarzen Gestalt in Beziehung treten würde. Es genügt mir allerdings nicht, den Neger oder die Negerin im Traum meines Patienten nur als Objekt der Ersatzbefriedigung oder als Hinweis auf Er­lebnisse in der Vergangenheit zu sehen. Ferner deute ich die Gestalt nicht ausschliesslich als Metapher, Chiffre oder Symbol für das, was dem ein­zelnen oder einem Teil der herrschenden Klasse innewohnt und bei ihnen zur Entfaltung kommen sollte. Ich finde es öfters angebracht, die Lage der schwarzen Gestalt im Traum mit den konkreten, vorwiegend politisch ökonomischen Situationen lebender schwarzer Menschen in Zusammen­hang zu sehen, oder dann in Zusammenhang zu bringen. Das Ziel meiner Traumanalyse ist also die Leistung eines Beitrags, einerseits zur Integrie­rung und Entwicklung der eigenen schwarzen Kräfte, anderseits zur För­derung der Kräfte lebender schwarzer Menschen.

Es handelt sich um Instanzen, die eine Not verschweigen und andere, die eine äussern. Wie in Lateinamerika besonders krasse Störungen auf­treten, die schwerwiegende nordamerikanische Probleme deutlich darstel­len, so melden sich, scheint mir, im schmerzhaften, fistelreichen Darm einer Patientin wichtige Probleme, die ihre Mutter und ihr Mann im engen Zusammenhang mit ihr haben, aber nicht austragen. Im Gegenteil: die Mutter und der Mann scheinen die Erledigung dieser Probleme auf die Patientin abgeschoben und es ihr überlassen zu haben, mit ihnen fertig zu werden, entweder indem sie diese stellvertretend für alle verdaut oder mit in das Grab nimmt. Auch kommt es mir vor, dass die tapfere, geduldige, vernünftige und liebe Frau eines sehr anständigen, jedoch verwöhnten, sich selbst stark bemitleidenden Patienten ihr stilles, verborgenes Leiden an der kinderlosen Ehe durch die Entwicklung eines Gebärmuttertumors äussert. Gewohnheitsmässig ist ihr Mann eben derjenige in der Ehe, der das verbale Signalisieren der gespürten, oft somatisch erlebten Not bean­sprucht und sie in die Rolle drängt, nach ihm zu schauen und auf ihn zu hören. Dass sie in ihrer somatischen Tiefe leidet und den Schmerz nicht im Zwiegespräch artikuliert, wird nicht beachtet.

Ich denke, eine Not wird mehr oder weniger in Form einer Stellver­tretung einmal vorwiegend somatisch, ein anderes Mal betont psycholo­gisch, ein drittes Mal offensichtlich zwischenmenschlich ausgedrückt. Nimmt man aber an, die Störung sei der (Blind) Darm, der Tumor, der Nierenstein, der schmerzende Zahn, das Zusammenziehen der Nerven im Gehirn, usw., so klammert man wesentliche Aspekte der Notlage aus und lenkt die Aufmerksamkeit auf ein verdinglichtes Objekt. Besonders in der Chirurgie scheint diese Auffassung klar zu Tage zu treten, wahrscheinlich weil Arzt und Patient zugleich den Eingriff in mechanistischen Metaphern verstehen und vorwiegend daran denken, die Störung sobald wie möglich zu beheben. Kaum wird ein lebendiger Bezug zum Herausoperierten als Ausdruck des leidenden Menschen erwartet. Die Entfernung geschieht, ohne eine Zeremonie des Abschiednehmens zu zelebrieren. Die Sache – das Wohl des Patienten – wird in Ordnung gebracht. Das entzündete Ding – der Patient in seiner z.B. leidenden Blinddarmhaftigkeit – wird entfernt. Dass der Patient sich eben just als Darm konkret konstituiert hat und seine problematische Lage durch entzündetes Fleisch im Bauch kundtat, wird nicht reflektiert. Aus Gründen der Rentabilität, Nützlichkeit (Zeitgewinn/geringere Beanspruchung des Personals) und Hygiene wird geschnitten und entfernt. Ich versuche es anders: Ich möchte den lokalen Herd des Leidens in mehrschichtigen Zusammenhängen berücksichtigen und dementsprechend vorgehen. Auf diese Art arbeite ich am Ganzen in der Behandlung des Spezifischen. Mit Bobby Seale 3)will ich anderen hel­fen zu verstehen, dass alles miteinander zusammenhängt.

Ich selbst sehe klar und deutlich, wie alles zusammenhängt, wenn ich meine besondere Arbeit analysiere. An Hand dieser Analyse stelle ich fest, dass ich zurzeit keine entfremdete, vielmehr eine natürliche Arbeit leiste. Meinem Erleben nach könnte ich diese Arbeit folgendermassen be­schreiben:

Ich merke keine besonders störenden Spaltungen und Spannungen zwischen meinen beruflichen und persönlichen Interessen. Für mich gibt es weder eine Arbeit, die meine Werktagsbeschäftigung ausmacht und meine totale Aufmerksamkeit und Kraft erzwingt, noch ein beglückendes Hobby, das ich als Freizeitbeschäftigung treibe und stets mit Teilengage­ment erlebe, da es dem Beruf unvermeidlicherweise untergeordnet ist und bleibt. Bei der Arbeit, die ich leiste, verhalte ich mich im Wesentlichen gleich wie in der Freizeit. Arbeitstage und Feiertage erlebe ich als Mo­mente einer einzigen, allumfassenden Praxis, Werktagskleider und Sonn­tagskleider sind bei mir dieselben.

Ferner komme ich mir nicht in einem Zwiespalt vor, in dem ich ei­nerseits forciert, gespannt, ja verkrampft unter einem Leistungsdruck, der zur Erschöpfung führt, stehe, und der mich anderseits nötigt, in der Frei­zeit durch Essen, Trinken und Herumreisen Entspannung und Befriedi­gung zu suchen. Ablenkung brauche ich nicht. Kurz: Ich erlebe keinen sonderlichen Konflikt zwischen dem Lustprinzip und dem Leistungsprin­zip. Alles, was ich tue und lasse, ist mehr oder weniger selbstverständlich und persönlich. Auf diese Art sehe ich mein Tun und Lassen gleichzeitig auf familiärer, lokaler, nationaler und globaler Ebene. 4)

Als nichtentfremdeter Arbeiter bin ich nicht in der Lage, von mir aus zu bestimmen, wann und wo ich mich besonders einsetzen sollte. 5) Es scheint mir wichtig, dass ich nicht vorwiegend nach eigenem Belieben und Konzept meine Versuche, Systeme der Unterdrückung zu beheben und Befreiungsprozesse zu fördern, lanciere. Ich habe meine täglichen Aufgaben zu erfüllen, und diese sind mir weitgehend bekannt. 6)

Es gehört zum Verständnis meiner natürlichen Arbeit, dass ich mich wiederholt sensibilisiere, um die mehrschichtigen Sinnzusammenhänge mancher Gleichgültigkeiten, banaler Formalitäten, selbstverständlich ge­wordener Gewohnheiten und automatischer Abläufe herauszuspüren und etwas vollständiger zu verstehen.

Meines Erachtens gibt es ein Kriterium für die Behauptung, dass ich natürliche Arbeit leiste. Dieses Kriterium besteht aus drei Teilen: 1) aus meinem persönlichen Urteil (z.B. da ich einen geringen Verschleiss fest­stelle, denke ich, dass ich eine Arbeit leiste, die mir liegt und mich befrie­digt; sie erfüllt mich); 2) aus dem Urteil meiner nächsten Mitmenschen, z.B. Familienmitglieder, Patientinnen und Patienten, Freunde und Freun­dinnen, usw.; und 3) aus dem Urteil mir nahestehender aber geographisch fern lebender Mitmenschen, wenn sie sich zu meiner Tätigkeit äussern. Im Moment herrschen meines Wissens keine grossen Meinungsverschie­denheiten zwischen diesen drei Instanzen. 7)

Ich vermute, dass es verschiedene Weisen der natürlichen Arbeit gibt. Darum will ich mich darauf beschränken, meine persönlichen Ziel­vorstellungen bei der nichtentfremdeten Arbeit festzuhalten. Und heute möchte ich es so sagen: Ich praktiziere Psychotherapie, um mich zu be­reichern, mir bekannt gewordenen Mitmenschen zu helfen und die Welt im Sinne von Marx, Lenin und Freud zu verändern. Unter «bereichern» verstehe ich mein Bedürfnis nach vermehrtem Geld, das ich für die Ver­sorgung meiner Familie in Grenzen des Vernünftigen brauche und eben durch die Ausübung des Berufs erhalte. Unter «bereichern» denke ich aber auch an die Fortsetzung meiner eigenen Entwicklung, die mir durch den Umgang mit meinen Patienten und Patientinnen ermöglicht wird. Die Hilfe, die ich den Mitmenschen zu vermitteln versuche, habe ich schon skizziert. Sie geht von den bewussten Wünschen der Personen, die meine Hilfe aufsuchen, aus und soll einen Dienst sowohl nach dem Gutdünken der Hilfesuchenden als auch im Sinne des Volks, dem alle Macht gehöre, leisten. In diesem Sinne scheint es mir nebensächlich zu sein, ob ich un­mittelbar an der Betreuung von 20, 50, 250 oder 5000 Personen beteiligt bin. Es wird immer so sein, dass die einen sich mit wenigen, die anderen mit vielen befassen. Ausschlaggebend ist: 1) wer was tut, 2) auf welche Weise dies geschieht und 3) welche Folgen dieser Prozess auf kurze und lange Sicht sehr wahrscheinlich haben wird. 8)

Bei manchen Patienten stelle ich fest, dass sie sich eifrig, mit beacht­licher Selbstbeherrschung und Geduld für eine Besserung ihrer persönli­chen Situation einsetzen, aber so, als wäre ihr Wohlergehen, oder dann das ihrer Familie, eine Sache für sich. Es kommt einigen logisch vor, dass sie nach sich selbst schauen (müssen) und das Beste aus ihrem persönli­chen Leben machen wollen (und sollten). Es scheint ihnen einfach ver­nünftig, allen ein schönes Leben zu wünschen, und sie bedauern es auf­richtig, wenn es diesem oder jenem hier oder dort nicht gelingt, wie z.B. in der Schule oder am Arbeitsplatz, voranzukommen. Doch viele Men­schen seien halt leider dumm, faul, impulsiv, unzuverlässig oder ver­schwenderisch, ja ausnützerisch, undiszipliniert und masslos egoistisch. Das seien nicht wegzuleugnende Tatsachen.

Wenn ich solche oder ähnliche Äusserungen höre, oder dann heraus­höre, scheint es mir, als sperrten sich diese Menschen vor der Konfrontie­rung mit vielen Problemen dieser Erde, deren Ernstnehmen ihr privates Verständnis für die Konflikte und ihre Lösung sehr wahrscheinlich er­schüttern würde. Sie versuchen deshalb vernünftig zu bleiben, heikle Themen zu vermeiden und ihr eigenes Leben in Ordnung zu halten und soweit wie möglich zufrieden zu sein; sie sehen einfach nicht klar, wie die Lage des einen Misshandelten mit der Situation aller Misshandelten ganz konkret zusammenhängt.

Darum kann ein Patient, der in Deutschland mit der Justiz in Konflikt geraten ist und meint, er sei von den Hütern der öffentlichen Ordnung rechtswidrig verurteilt und darum berechtigt, seine gerechte Sache zu ver­treten, gleichzeitig Partei für just die Ordnungshüter eines Gefängnisses in den USA ergreifen, die kaltblütig auf Menschen schiessen, die mittels Gewalt ihr Verständnis für eine ungerechte Behandlung bekunden. Im persönlichen Bereich zweifelt der Patient sehr wohl an den Vertretern des Rechtsstaats und lehnt sich gegen sie auf. Sorgfältig und konsequent trägt er seine Argumente zusammen und greift die Staatsanwälte und Richter an. Die Lage ändert sich, wenn er annimmt, von einer Sache selbst nicht betroffen zu sein. Im letzten Fall, wie beim Aufstand in Attica, New York, identifiziert er sich mit den angeblich rationalen Versuchen, Ruhe und Ordnung zu halten. Er wartet mit seinem Urteil nicht ab, bis er den schweren Versuch gemacht hat, sich gründlich über den Vorfall zu infor­mieren (gerade das, was er von den Richtern in seiner eigenen Streitsache erwartet und fordert!). Nein, die Angelegenheit wird durch Information aus Schlagzeilen und einen flüchtig gelesenen Zeitungsbericht erledigt; es habe sich hier um Meuterei gehandelt, und jeder vernünftige Mensch wis­se, dass kein Staat sich dies leisten könne. Und vor allem seien die Mit­tel, die die Gefangenen angewendet haben, zu verwerfen. Ja, die Messer, Speere und Waffen bezeugten gerade, dass die Gefangenen im Unrecht seien! Vor offener Gewaltanwendung schreckt der Patient zurück. Er will meinen, jeder Mensch in einem Rechtsstaat könne die Ungerechtigkeiten, die ihm widerfahren mögen, auf rechtlichem Weg angehen und zufrieden­stellend (für ihn persönlich!) beheben. So kommt er sogar zu einer mora­lisierenden Haltung den Gefangenen gegenüber. Statt ihre Not und Ver­handlungsmöglichkeiten mit seinen zu vergleichen, statt die Formen offe­ner, institutionalisierter, gesetzlicher, anonymer, repressiver Gewalt zu studieren und immer wieder zu studieren, zieht er sich erschrocken vor der grausamen Welt zurück und meint, wenn es nur mehr friedliche, ge­rechte Menschen (wie ihn!) gäbe, würde es jedem besser gehen. Somit hat der Patient einerseits seine implizierte Interessengemeinschaft mit den Gefangenen in Attica, New York, fast wegmoralisiert und anderseits sich mit den dortigen Ordnungskräften auf scheinbar rationaler Basis identifi­ziert, obwohl er selbst anderenorts ihre Kollegen mit vollem Einsatz be­kämpft. In dieser Lage müssen sich, scheint es mir, seine Gefühle der Einsamkeit steigern, während seine erlebten Bezüge zur leidenden Mit­welt schwinden. Eine meiner Aufgaben in dieser Situation sehe ich darin, dem Patienten diesen von mir hypostasierten Widerspruch bewusst zu machen, und zwar in der Hoffnung, dass er Lust bekommen könnte, sich den ganzen Sachverhalt nochmals durch den Kopf gehen zu lassen.

Psychologisieren scheint mir in unserer Gegend eine besonders häu­fige Form des Rationalisierens zu sein. Beim Psychologisieren ist man nämlich nicht darauf aus, Sachverhalte in ihrer Mehrdimensionalität zu erkennen und heilend auf sie zu wirken. Der psychologisierende Mensch sucht die passende Deutung für einen Teilaspekt, den er als das Ganze verstanden haben will und mit dem er sich so mit psychologischen Be­griffen auseinandersetzt, dass er die Auseinandersetzung mit dem Ganzen in seinem objektiven Gehalt umgeht. Psychologisierend klügelt man die sinnvolle Interpretation heraus, welche meistens das Phänomen erklären sollte, manchmal, aber lange nicht immer, im Sinne des Fixierens, des Festnagelns.

Ich sehe hier den Versuch, die Stacheln aus dem expliziten oder im­pliziten Anspruch des Phänomens auf den Untersuchenden abzuschwä­chen. Ein gutes Beispiel für diese Form des scheinbar vernünftigen, mei­nes Erachtens aber nur scheinbar rationalen Vorgehens, erkenne ich in heutigen Analysen der bürgerlichen Gesellschaft, die den Befund liefern, dass die Arbeiterklasse sich seit Marx so sehr verändert hat, dass man von einem Proletariat nicht mehr sinnvoll reden kann. Also gibt es gar keinen Grund mehr, die Arbeitnehmer im unvermeidlichen Konflikt mit den Arbeitgebern zu betrachten. Alle hätten im Grunde die gleichen Inter­essen. Oder dann in der Psychotherapie: der Patient und der Therapeut hätten im Wesentlichen die gleichen Interessen. Beide Positionen halte ich für falsch. Meines Wissens besteht der Klassenkampf noch sehr wohl in der bürgerlichen Gesellschaft und, wie schon erwähnt worden ist und noch ausführlicher behandelt wird, es wohnen sehr wichtige, unterschied­liche Interessen der Beziehung zwischen den Patienten und Therapeuten inne.

Wenn also der psychologisierende Mensch meint, er habe die Erklä­rung gefunden, kann bei ihm ein eigentümliches Gefühl der Selbstzufrie­denheit entstehen, als hörte er Komplimente für seine Denkleistung von ihm vertrauten, zuverlässigen Autoritäten, seien diese aus alter Zeit (z.B. vom Eltern-Über-Ich) oder neueren Datums (z.B. vom Therapeuten) her. Er kann dann meinen, er habe etwas in die Hände genommen, es seziert, analysiert und in seiner Entstehung, Struktur und Gerichtetheit verstan­den. Dass er an der Sache selbst nichts oder wenig geändert hat, wird kaum oder nicht erkannt. Das Gefühl, die Überzeugung, selbst ein Stück Wissen geschaffen zu haben, herrscht vor und heitert auf. Es wird kaum oder nie gefragt, ob die herrliche psychologische Deutung einer befreien­den oder einer repressiven Macht dienen mag. Man habe, so meint man, seinen Salto mortale blendend ausgeführt, und die Möglichkeit der Be­lohnung sei nicht auszuschliessen.

Ich bin entschieden gegen diese Art des Denkens und schliesse mich Susan Sontag an, wenn sie schreibt:

Die Interpretation ist nicht (wie die meisten annehmen) ein ab­soluter Wert, ein geistiger Akt, den man im zeitlosen Bereich der Fähigkeiten vollzieht. Sämtliche Interpretationen müssen vom Standpunkt einer historischen Betrachtungsweise des menschlichen Bewusstseins bewertet werden. In gewissen kul­turellen Konstellationen ist die Interpretation ein befreiender Akt. Sie wirkt zur Verbesserung, Umwertung und Überwindung einer toten Vergangenheit. In anderen kulturellen Zusammen­hängen ist die Interpretation reaktionär, anmassend, feige, er­stickend. 9)

Psychologisieren kann aber auch Entmutigung, Apathie und Resig­nation fördern, wenn es von niemandem für eine nur scheinbar vernünf­tige Form des Denkens gehalten wird. Ein Beispiel aus meiner Praxis:

Johannes Müller, fünfzigjährig, verheiratet, mit zwei Kindern und eigenem Haus und Garten, lebt bescheiden und arbeitet viel als Arzt. Seit etwa sechs Jahren sucht er mich als Psychotherapeut auf. Ursprünglich kam er wegen Migräne, Depressionen und gestörter Potenz, inzwischen ist er selbst Psychotherapeut geworden. Schon lange aber hat Johannes Müller mehr als ein oberflächliches Interesse für seine Mitmenschen ge­zeigt. Er ist im Gemeinderat, Mitglied verschiedener Wohltätigkeitsorga­nisationen und Spender für soziale Werke. Im Grunde genommen hält er sich aber für unfähig, dem Leben wirklich mehr zu geben und aus dem Leben mehr herauszuholen. Es scheint ihm sehr unwahrscheinlich, dass er mit seinen 50 Jahren und in Anbetracht seiner tiefsitzenden Vorsicht und Sparsamkeit und Unerfahrenheit viel anders wird. Und wenn schon, was sollte aus ihm noch werden? Sollte er eine zweite Eigentumswoh­nung kaufen, dieses Mal in den Bergen für den Wintersport? Sollte er im Rolls Royce herumfahren? Oder sollte er Schach spielen lernen? Wäre es sinnvoller, wenn er Hobbygärtner werden würde? Es mangelt ihm nichts, meint Johannes Müller, er sei mit wenig zufrieden, ja in der Tat bestehe seine Nahrung öfters aus Brot und Suppe. Die weltentscheidenden Dinge seien nicht seine Sache, er könne nur froh sein, dass es ihm jetzt dank Psychotherapie so gut gehe.

Ich glaube, diese Einstellung meines Patienten wird auf viele Men­schen in unserer sehr stark auf Konsum ausgerichteten Gesellschaft ver­nünftig, massvoll, ja sogar lobenswert wirken. Und ich will es gar nicht bestreiten! Nur scheint mir etwas Wesentliches zu fehlen. Es ist, wie wenn Johannes Müller nicht mehr auf der Suche nach Verwirklichung wäre. Manche in und ausser ihm brachliegenden Lebensmöglichkeiten reizen ihn nicht zur Aktion. Er versucht viel eher, sich mit dem Errun­genen zufrieden zu geben. Mit Dankbarkeit blickt er auf den erreichten Erfolg in seiner Psychotherapie. Er hat gelernt, souverän zu resignieren.

Einmal habe ich Herrn Müller mitgeteilt, wie ich seine Haltung und Situation sehe. Ich sagte ihm, ich selbst sei und arbeite für eine Erweite­rung des Bezugsfelds. Dies gehöre grundsätzlich zu meinen Zielvorstel­lungen in der Therapie und im Leben überhaupt. Wenn er sich nun auf seinen jeweils vertrauten Lebenskreis beschränke und damit zufrieden sei, besonders weil es ihm jetzt so gut gehe, sei er einfach nicht mehr da­bei, zu merken, was ihm fehle.

Hierin sehe ich mich vor einer Doppelaufgabe: Einerseits bin ich als Spezialist für Psychotherapie dazu ausgebildet, meinem Klienten so zu helfen, dass er auf seine nun so und nicht anders gewordene Person auf­merksam und zugleich für die Möglichkeiten des noch weiteren Werden­könnens, des noch weiteren Bezugnehmenkönnens, empfänglich wird. In dieser Funktion, wie der Chirurg im Operationssaal sich vor allem auf das Operieren konzentriert und versucht, die Subjektivität und das Schicksal des Operierten wenig zu berücksichtigen, liegt es nicht sonderlich in mei­nem Aufgabenbereich, die unzähligen Beziehungsmöglichkeiten mit be­stimmten Inhalten zu vermitteln. Andererseits erlebe ich den Patienten als Partner beim Versuch der Befreiung auf mannigfaltige Art und Weise, was dazu (ver!)führt, dass ich ihm gerade Information vermitteln möchte, die zum volleren Verständnis unserer Lage beiträgt und in meinen Augen wirklich hilft, unsere Situation in «meinem» Sinn zu verändern.

Die Gefahr der Manipulation wird sonnenklar. Der Patient hat wirk­lich auf der Hut zu sein; zwar möchte ich ihn so wenig wie möglich nach meinem Gutdünken beeinflussen und ihm so viel wie möglich helfen, die Gestaltung seines Lebens selbst zu bestimmen und zu verantworten, aber zugleich bin ich erfreut, wenn er auch einen Versuch der Befreiung er­kennt und anerkennt, den ich schon oder dann jetzt nach seinem Hinweis unterstütze. Die Frage ist also die: Kommt der Patient zu dieser Stellung­nahme vorwiegend unter meinem Druck, durch meine geschickte Mani­pulation, oder entspricht seine Haltung einem lebendigen, ihm gemässen, überzeugenden Entwicklungs- und Lernprozess, in dem er sich immer noch befindet, und an dem ich aber auch mit meiner Person beteiligt bin? Öfters sehe ich keine generelle Antwort auf diese Frage, wie aus folgen­dem Beispiel (meines Erachtens der Entmutigung wegen Psychologisie­rens) ersichtlich wird.

Es handelt sich um eine Patientin, die sagt, sie wollte mich und die Welt, die ich vertrete, kennen lernen. Selbst in diese Welt überzutreten, obwohl sie es eventuell möchte, habe sie allerdings keine grosse Chance. Sie stecke einfach zu tief im Bürgerlichen. Sie spüre aber Angst, dass ich sie ablehnen würde, wenn sie nur ihren Frieden haben möchte. Unter die­sen Umständen meint sie, das Bürgerliche an ihrem Verhalten verstecken zu müssen. Auch weil sie in einer «kleinen» Welt gelebt hat, sind ihr Namen (und die Sorgen, wofür diese stehen) wie Spartakus, Louis-Ferdi­nand Céline, Charles Manson, Rudi Dutschke und Bernadette Devlin usw. völlig unbekannt, und sie könne diesen grossen Informations- und Entwicklungsmangel nicht nachholen. «Mir fehlt viel zu viel!» sagt sie, «ich kann nicht mehr lesen. Ich mag nicht mehr. Ich bin entmutigt. Das ist nicht meine Welt.» Die Patientin fühlt sich überfordert, dazu in einem un­vertrauten, ja unheimlichen Bereich, der ihr nicht passt und den sie nicht versteht. Sie wolle zurück, zurück zum Einfachen, zum Übersichtlichen, zum Vertrauten. Sie habe versucht, hellhöriger, offener, verständnisvoller zu werden, aber es habe nicht geklappt. Und sie denke, dies passiere auch bei anderen. Es wohnen nicht jedem Menschen genügend schöpferi­sche Möglichkeiten inne, um ein erfülltes Dasein zu führen. Lebenskünst­ler gibt es wenige, und ihr sei es nicht geglückt, zu ihnen zu gehören.

Ich versuche, diese Form des Rationalisierens, also diese Art der Entmutigung durch Psychologisieren, in Frage zu stellen. In der Tat sieht das so aus, dass die Patienten mit mir ein kritisch politisches Verhalten entwickeln (können und dürfen, wie ich hoffe), wobei sie so viel wie möglich mit mir als ihrem Gegenüber diesen Prozess erleben, also mit ihrem meistens selbst gewählten Psychotherapeuten und von mir verstan­denen Partner. Auf dieser Basis geht es dann zwischen ihnen und mir nicht nur um ein hypostasiertes Streben nach persönlichem Genuss, sei dieser im Sinne der Triebbefriedigung, der Machtausbreitung oder der Selbstverwirklichung. Der Stellenwert anderer psychologischer Begriffe, wie Frustration, Abwehr, Übertragung, Sublimierung und Kompensation usw., also theoretische Überlegungen, die häufig im Zusammenhang mit raffinierten Massnahmen auftauchen, welche auf die mehr oder weniger reibungslose Fortsetzung bestehender sexueller, politisch ökonomischer Lebensformen eingesetzt werden, ändert sich sehr, wenn der Blick auf die jeweiligen Machtverhältnisse, welche die Patienten und ich als Perso­nen und als Vertreter verschiedenster Interessengruppen darstellen, ge­richtet wird. Wichtig ist jetzt nicht nur das Deuten oder Geschehenlassen der positiven oder negativen Übertragung. Ebenso zentral sind sowohl die Wahrnehmung und Analyse der Welt, in der wir leben und deren Ba­sis meines Erachtens weitgehend aus Sexualität, Politik und Ökonomie besteht, als auch die Erkenntnisse, die wir durch den theoretischen Teil der Arbeit gewinnen und in die Tat umzusetzen versuchen. 10) Ich will, mit anderen Worten, eine konsequente Psychotherapie vertreten, auch wenn diese zum Sturz des Therapeuten führen würde, z.B. dass der Therapeut ab morgen eine andere Arbeit beginnen müsste. So rückt die Erfahrung der Politik näher.

Ein Patient von mir hat es sehr schwer, politisch zu werden und die vielen Ansichten und Absichten, welche in unserem Verhältnis konsti­tuiert sind, unter die Lupe zu nehmen. Fragt er sich, warum er so wenig ernste Kritik übe, so kommt er auf seine Beziehung zum Vater und gibt zu, dass er als opportunistisch fügsamer Sohn es nie oder sehr selten ge­wagt habe, die Regeln seines Vaters entweder zu zweit oder dann sonst verbindlich anzuzweifeln. Er warte auf eine grosse, aber noch prekäre Erbschaft vom Vater und müsse einfach alles so schaukeln, dass er in den Besitz des Erbes kommen könne: darum sei er zu manchen Handlungen gezwungen, die er ungern tue. Er wisse zwar, wie sehr diese hündische Art seinem Selbstwertgefühl schade, aber er könne nicht anders. Er wolle erben.

Und wenn er das Erwartete nicht bekäme, was dann? Der Patient denkt, er ginge unter. Er würde entweder relativ rasch zusammenbrechen oder langsam aber sicher auseinanderfallen, ja zum Clochard werden. So sehr sei er auf die väterliche Segnung in der Form «Erbe» angewiesen.

Auch ein anderer Patient von mir zögert schon lange mit dem Kauf einer Eigentumswohnung, zum Teil weil er mit der Erbschaft des elter­lichen Wohnhauses rechnet. Beide Patienten bleiben natürlich mit ihren 33 respektive 44 Jahren stark an die Launen, Wünsche und Forderungen der Eltern gebunden, wenn sie solche ganz konkreten Hoffnungen hegen. Der Eigennutz ist allerdings gut eingepackt in Elternliebe, und die Taktik sollte sich doch letzten Endes reichlich lohnen.

Bei diesem Problem geht es meines Erachtens nicht um das Über­bordwerfen bisheriger Verhaltensregeln, denn diese wird es stets geben, weil der Mensch ein wertendes Wesen ist. Nein, ich sehe die Politisie­rung der Psychotherapie viel eher zum Teil darin, dass nichts an sich recht oder heilsam, dass alles prinzipiell anzugehen, anzufechten und eventuell umzustülpen sei, sowohl die Form des Zusammenseins als auch die beteiligten Personen. Wenn dies nicht geschieht, so bleibt es viel wahrscheinlicher, dass Patient und Therapeut weiterhin so leben, als sei­en manche, sehr wichtige Aspekte des Lebens unantastbar, der Analyse, Kritik und Änderung entzogen.

Diese Hörigkeit gegenüber den bestehenden Ordnungsprinzipien kann in sogenannten Kleinigkeiten zutage treten. Zum Beispiel erwähnt ein Patient, sein Gruppentherapeut habe bei Karen Horney studiert. Ich sage: «Oh, ich habe einmal einen Mitarbeiter von Karen Horney kennen gelernt und ihm mehrere Stunden lang zugehört. Er hiess Kelman. Viel­leicht kennen sie einander.» Hierauf sagt mein Patient, dies möge so sein, aber er könnte niemals seinen Therapeuten danach fragen. Der Therapeut würde ihm keine Auskunft geben und zurückfragen, warum er das wohl wissen wolle. Der Therapeut bleibe bei den Regeln, er beachte sie. Sonst wäre seine Therapie keine Analyse. «Und wer hat diese Regeln aufge­stellt?» frage ich. «Mein Gruppentherapeut natürlich», erwidert der Pati­ent.

Oder eine Patientin erzählt, dass sie bei einem früheren Therapeuten ihre Stunde um 07.00 Uhr gehabt hätte und somit um 04.30 Uhr aufste­hen musste, um pünktlich bei ihm zu erscheinen. (Sie brauchte etwa eine Stunde mit dem Auto, um die Praxis zu erreichen.) Darum bat sie den Therapeuten, sie bei passender Gelegenheit später dranzunehmen, viel­leicht etwa um 19.00 Uhr? Der Therapeut, berichtet die Patientin, wollte nichts von diesem Vorschlag hören. Er empfand die Frage als provozie­rend; die Patientin wolle ihn zwingen, genau wie sie es tue, in der Arbeit aufzugehen. Er habe aber Anrecht auf seinen freien Abend, und dieser beginne um 19.00 Uhr. Sie müsse einsehen, dass sie ein Problem des Ge­bens und Nehmens habe.

Ein anderes Mal sagte die gleiche Patientin dem Therapeuten, er mö­ge ihren Freund nicht. «Ja», soll er gefragt haben, «in welchen Bemerkun­gen sehen Sie das?» Sie wisse nicht, gab sie zur Antwort. «Dann hätten wir es mit einer paranoiden Reaktion zu tun», meinte er. Die Patientin ha­be sich geirrt.

Nun, die nicht politisierte Patientin bestätigt relativ widerstandslos solches Vorgehen ihres Therapeuten. Mit mehr oder weniger Zweifel, Ärger und Widerwillen sagt sie: «Ja, Sie haben recht. Ich war paranoid.» Sie meint, sie habe projiziert. Dazu mag sie denken, dass es sich hier um die negative Übertragung handle. Sie zeige Widerstand gegen die Ausein­andersetzung mit den Problemen, worauf der Therapeut sie aufmerksam macht. Sie wolle fliehen statt analytisch zu arbeiten. Dass Probleme in der gegenwärtigen Beziehung zwischen dem Therapeuten und ihr tatsäch­lich existieren und zu ihrem Nachteil durch Theorie verschleiert und ver­schwiegen werden könnten, würde sie kaum zu denken wagen.

Aber stimmt die Auslegung des Therapeuten von der paranoiden Re­aktion? Belegt wurde nichts, und die Möglichkeit einer klärenden Analy­se über die Einstellung des Therapeuten zum Freund der Patientin wurde verpasst. Eventuelle Eifersucht, Angst, Aggression und Liebe, die der Therapeut in diesem Dreiecksverhältnis erleben könnte, auch seine Machtansprüche an die Patientin, dies und noch mehr, kamen nicht ans Licht. In diesem Zusammenhang klingt das «Ja, Sie haben recht. Ich war paranoid», wie wenn die nicht politisierte Patientin unter dem Druck des Therapeuten spräche. Sie müsste in seinem Sinn psychologisieren und sein Verständnis für das ihrige annehmen. In der Tat liess sich aber die obige Patientin nicht lange vom erwähnten Therapeuten unterdrücken. Sie war bestimmt damals in akuter Not gewesen und auch deshalb gestört in der objektiven Abschätzung ihrer mitmenschlichen Beziehungen. Es schien ihr aber unwahrscheinlich, dass der Therapeut vorwiegend kraft seines Amtes ihr so sehr überlegen sein müsste; auch sie könne Vorgänge mehrdimensional erkennen und vernünftige Entschlüsse treffen.

Meine Haltung in einer solchen Situation ist meistens die: Wenn ein Patient mir etwas zuschiebt oder vorwirft, mich kritisiert, frage ich mich, ob ich dasselbe oder ähnliches feststelle. Geschieht es, dass ich seine Vermutung bestätigen kann, so teile ich meinen Befund in der Regel gleich mit. Wird mir aber im Moment keine Bestätigung bewusst, dann sage ich, dass ich die Mutmassung nicht unterschreiben könne. Das soll aber nicht heissen, dass der Patient nur projiziert und darum nicht recht hat. Ich hoffe, und teile meistens den Wunsch mit, er werde sowohl meine Reaktion auf seinen Verdacht zur Kenntnis nehmen, als auch zu seinem Gefühl und Verständnis stehen und seine Kritik nicht fallen lassen. Er könne doch weiterhin beobachten und seine ersten Mutmassungen mit neuen ergänzen. Er mag ja recht haben, vielleicht habe er etwas Wichti­ges erkannt. Ich werde auch wieder an seine Vermutung denken und an meine Reaktion darauf. Eventuell werde ich seine Ahnung bestätigen können. Diese Haltung stiess allerdings einmal auf starke Ablehnung in einer Therapiestunde, als die Patientin sagte: «Nein, das ist mir zu kom­pliziert. Ich muss davon ausgehen, dass es entweder so oder so gewesen ist.»

Ich denke, es ist nicht «so oder so» in der Psychotherapie, und wenn wir es uns heute mit solchen Vereinfachungen leicht machen, wird es uns morgen umso schwerer sein. Das Verhältnis ist zu mehrschichtig, zu un­überschaubar, so sehr mit mächtigen Strebungen scheinbar verschieden­ster Art durchdrungen, dass wir nur dann annähernd sachgerecht voran­gehen können, wenn wir immer wieder unser Wissen in der Therapie und Theorie zum Ausdruck bringen. Und ein zentraler Punkt unseres Wissens um die Manipulation ist dieser: Der Therapeut kann versuchen, seinen Patienten so zu beeinflussen, dass er durch das Abhängigkeitsverhältnis vom Therapeuten immer mündiger wird, also selbständiger und engagier­ter zugleich, fähiger, Prozesse der Ausbeutung zu entlarven und an Ver­suchen ihrer Aufhebung mitzuwirken. Oder der Therapeut kann vorwie­gend – oft ohne es sonderlich zu merken – seinen Patienten so funktio­nalisieren, dass dieser willig als «Gesunder» oder als «einsichtiger Kran­ker» die wichtigsten offenen und versteckten Machtansprüche des Thera­peuten und der Instanzen, die hinter ihm stehen, berücksichtigt, ohne an ihnen entscheidende Änderungen vornehmen zu wollen. Es handelt sich hier nochmals um das Ziel des gegenseitigen, jedoch ungleichen Abhän­gigkeitsverhältnisses zwischen dem Patienten und dem Therapeuten, nämlich ob die beiden dadurch freier, glücklicher und gesünder werden, oder ob sie in eine Art Trostbefriedigung geraten und darin stecken blei­ben. Ich bin der Auffassung, dass Abhängigkeit zu einer freien Beziehung gehört. Partnerschaft kommt nicht um besondere Abhängigkeitsstrukturen herum. Menschen können jedoch in ungleichen Abhängigkeitsbeziehun­gen stehen, ohne sich einer Befreiung anzunähern.

Meine Therapien weisen meistens künstlich/klinische und persönli­che Formen der Abhängigkeit auf, wobei sich immer wieder starke eroti­sche Wünsche entwickeln. Ich weigere mich meistens, diese Bedürfnisse mit Handlungen, die die unmittelbare Befriedigung des jeweils erlebten Wunsches zum Ziel hätten, zu erwidern. Das Verlangen scheint zwar zu­nächst auf faktische Erfüllung in der gegenwärtigen Beziehung gerichtet zu sein, also im Verhältnis zwischen dem Patienten und mir als Individu­en, doch nach Analyse und Aushalten der Spannungen haben Patienten und ich immer wieder festgestellt (oder wir haben es uns so vorgestellt, oder ich habe es mir so eingebildet), dass wir zusammen Bedürfnisse befriedigen wollten, die viel mehr mit anderen Figuren zu tun hatten, wel­che aus alter oder neuerer Zeit stammten und mehr oder weniger von der Vorstellung geprägt wurden, mehr oder weniger von lebenden Menschen herrührten.

In diesem Zusammenhang wird oft vom Therapeuten als Projektions­träger gesprochen, und in der Tat scheint es mir häufig angebracht, dass ich eine Zeitlang, oder immer wieder, in dieser Funktion wirke, d.h. dass ich meine Person und mein Leben wenig dokumentiere, damit die Patien­ten mich eher so erleben können, wie sie es nötig haben, mich zu erleben. Ich bleibe dann verhältnismässig anonym und gehe indirekt ans Werk, nicht zuletzt, damit die Behandlung auf der professionellen Ebene gelingt. Denn für das Gelingen der Therapie auf dieser Ebene suchen die Patien­ten mich gewöhnlich auf. Zuallererst interessieren sie sich für ihr eigenes Leben und können sich nicht um ihre verborgene Solidarität mit anderen unterdrückten Menschen kümmern.

Wir erkennen uns, mit anderen Worten, in einem Sinngefüge, das grösser und eigentlich anders ist als die Summe der Sinngebungen des Patienten und des Therapeuten. Mir scheint es oft gerade nötig, dass der Patient, wenn auch nur für eine Zeitlang, die Chance findet, den Thera­peuten als Objekt von mancherlei Sinngebungen zu gebrauchen, z.B. als den «wunschbetonten», «idealen», «unwirklichen», «traumhaften», «sym­bolischen» Partner. Später, hoffe ich, wird er durch das Auskosten dieser «unwirklichen» Beziehung umso gegenwärtiger, bezogener und transpa­renter in der Welt stehen.

Diese Auslegung und der Prozess, der angedeutet wird, stellen aber eine Gefahr für den Patienten dar, weil es so aussieht, als stellte ich mich so gerne als den gerechten Vater, die spendende Mutter oder den wehrlo­sen Prügelknaben, usw. hin, um dem Patienten auf diese Art fortlaufend zu helfen, da er ohne häufiges (ungerechtfertigtes) Projizieren nicht ge­sund werden könne. Ich möchte darum betonen, dass der symbolische Aspekt des psychotherapeutischen Prozesses, den Carl A. Whitaker und Thomas P. Malone 11) einmal auf sehr anregende Art und Weise zu be­schreiben versucht haben und den wir meistens Übertragung und Gegen­übertragung nennen, stets im Zusammenhang mit den objektiven ökono­misch politischen Beziehungen gesehen werden soll, in denen der Patient und der Therapeut stehen.

Dieses Problem ist besonders auffallend in etablierten Ausbildungs­instituten für Psychoanalytiker, Analytische Psychologen oder Psychothe­rapeuten, usw. An diesen Orten erwartet der Patient (der Analysand oder Ausbildungskandidat) nicht nur eine Besserung seines Zustandes, son­dern dazu noch einen Job, der ihm durch schulgerechtes Verhalten ver­mittelt wird. Es scheint erforderlich, dass der Analysand sich weitgehend mit der Schule, wo er seine Ausbildung bekommt, identifiziert, wenn er später die Legitimation für die Ausübung der Psychotherapie erlangen sollte. Somit wird seine «Übertragung» zum vornherein von beruflichen Zielsetzungen, öfters sehr opportunistischer Art, beeinflusst, und ob diese Ziele und der Weg dazu einer befreienden Therapie, so wie ich sie ver­stehe, entsprechen, bezweifle ich. (Und wenn ja, bin ich umso glückli­cher.) Kurz: Der symbolische Gehalt der Beziehung vermag allerhand an Vater/Mutter/Kind-Thematik zu evozieren, die Wurst jedoch, um die es häufig geht – Aufnahme in den Kreis einer auffallend begünstigten Be­rufskategorie – nötigt öfters die Fortsetzung und eventuell das Überneh­men bestimmter Verhaltensweisen und Ansichten politischen Charakters auf, welche emanzipatorische Bestrebungen mancher unterdrückter Men­schen verkennen und bekämpfen: im Vordergrund steht das Wohlergehen des Analytikers, seines bestimmten Fachkreises und der privilegierten Klasse, zu der er gehört und weiterhin gehören möchte.

Der letzte Punkt ist grundlegend, da die Einstellung des Therapeuten zu seiner Klassenzugehörigkeit den Umgang mit seinen Patienten und die Theorien, die er bildet und vertritt, weitgehend bestimmt. Wenn ein Psy­chiater z.B. die etablierte Gesellschaft, in der er lebt, als (vielleicht leider Gottes) die bestmögliche empfindet, so wird er, wenn auch nur leise und indirekt, Therapeuten ablehnen und konsequent boykottieren, welche sich mit Menschen solidarisieren, die unter dem bestehenden System un­gleichmässig viel leiden und ihr Leben wenig bereichern können. In die­sem Moment spielen die Unterschiede in den bestehenden Schulen – ob Freud, Jung, Klein oder Adler – keine grosse Rolle mehr. Wichtig ist die Schwächung der Kräfte, die sozialistische Weisen des Miteinanderseins anstreben. Die Koalition zwischen allen in der bürgerlichen Gesellschaft fest verankerten Schulen der Psychotherapie mit dem Produktionssystem, welches dieser Gesellschaft auf grossen Teilen der Welt enorme Vorteile schafft, soll nicht freigelegt und in Frage gestellt werden.

Ich gehöre allerdings als Therapeut zur Interessengemeinschaft der Therapeuten, und als Kollektiv haben wir wiederum schon lange mehr oder weniger darauf bestanden, unsere privilegierte Stellung als (vollwer­tige) Gesunde den Patienten als (minderwertige) Kranke gegenüber auf mehrfache Art und Weise zu unterstreichen. Wir sind zwar bereit, uns mit ihm für eine bestimmte Zeit gegen Bezahlung verbal abzugeben, aber wir verlassen selten das mindestens stark zum Selbstschutz aufgestellte Sche­ma der psychotherapeutischen Dienstleistung, um unsere Verbundenheit mit dem Patienten in offensichtlichen Handlungen zu bezeugen. Wir schenken dem Patienten selten einen Blumenstrauss, schreiben ihm auch kaum einen ausführlichen, persönlichen Brief. Höchst selten kommt es in Frage, dass er zum Essen eingeladen wird. Meistens fragen wir ihn nicht, ob er mit uns eine Kunstausstellung oder eine politische Versammlung besuchen oder mit uns in die Ferien fahren möchte. Wenn er alleine liegt und vergrippt ist, kaufen wir höchst selten für ihn ein, kochen nicht, bet­ten nicht, waschen ihn nicht. Wir wohnen auch nicht mit ihm auf der Ab­teilung in der psychiatrischen Klinik. Und wann wird er von uns umarmt, geküsst, gewärmt und von unserem ganzen Dasein als Partner bestätigt?

Wegen unseres Amts und der Struktur, in der dieses Amt situiert ist, haben wir einen mächtigen Vorteil in der Auseinandersetzung mit dem Patienten und können uns häufig ohne besondere Anstrengung und gros­ses Risiko durchsetzen, um ihm unser Verständnis für Therapie, Selbst­verwirklichung, Gemeinschaft und Vernunft beizubringen. Er braucht uns einfach sehr. Die Symptome, unter denen er leidet, häufig schon lange leidet und welche ihm den Weg in die Zukunft versperren, zwingen ihn, uns aufzusuchen und so lange wie möglich bei uns zu bleiben. Ja, eben, er meldet sich bei uns, wir suchen ihn meistens nicht auf. Er gilt als der kranke, hilfsbedürftige Teil des Verhältnisses, der verpflichtet ist, sich gewissenhaft einzusetzen, obwohl er meistens keine Zusicherung vom Therapeuten bekommt, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt gesund zu werden. Eine Zeitlang kann es vorkommen, dass er sich furchtbar schul­dig fühlt, wenn er an uns und unser Privatleben denkt, wenn er uns in seine sexuellen Phantasien einbezieht. Auch kann er vor Angst zittern, eines Tages als hoffnungsloser Lump auf die Strasse gesetzt zu werden.

Ähnliche Gefühle des Abhängigseins, des Ausgeliefertseins, erleben die Therapeuten in der Beziehung zum Patienten selten, auch darum, weil sie in einer Machtstruktur zusammenarbeiten, welche ihnen Halt gibt und das Gefühl verleiht, gegen allfällige Unannehmlichkeiten mit dem einzel­nen Patienten gewappnet zu sein. Ich denke hier an Instanzen wie: Ge­sundheitsdepartement, Erziehungsdepartement, Hausarzt, Bezirksarzt, Ärzteschaft, Psychiatrische Klinik, Krankenkasse, Ausbildungsinstitut, Kontrollseminar, eigene Lehranalyse, Theorie, eigener Anwalt, usw. Aber auch die Einrichtung der Praxis, eventuell mit Büchern, Bildern (be­rühmter Psychoanalytiker?), Uhr, Akten, usw. ausgestattet, verleiht dem Therapeuten noch mehr Gewicht in seinem Wirken auf den Patienten.

Das Verhältnis zwischen dem Patienten und dem Therapeuten steht also keinesfalls primär für sich da: Genau wie die Therapeuten ganz spe­zifische Therapeuteninteressen wahrnehmen und verfechten, haben auch die Patienten ein gemeinsames Anliegen, das in ihrem Interesse zu be­wahren ist. Die Patienten sollten z.B. nur erfahren, wie die Therapeuten sie manchmal zur Therapie auswählen. Denn der Schritt zur Behandlung hängt öfters mit der Befriedigung des Therapeuten selbst zusammen. Vielleicht möchte er mit dem neuen Fall vorwiegend neue Erfahrungen sammeln, vielleicht möchte er mit dem Patienten seine therapeutische Wirksamkeit auf einem bestimmten Gebiet verfeinern, vielleicht möchte er die Therapie als Versuchsfeld für seine wissenschaftliche Tätigkeit benutzen, vielleicht möchte er den Patienten für die Veränderung der Welt gewinnen. Möglicherweise will der Therapeut eher einen gut dotier­ten Patienten für eine gründliche (d.h. auch häufig stattfindende, langjäh­rige) Analyse gewinnen. Verschieden mögen die Begründungen für den Beginn einer Therapie sein, dahinter steht sehr oft die Parole: «Was dem Therapeuten gut bekommt, tut dem Patienten auch gut.» Wenn der Thera­peut seinen Spass an der Therapie findet, wird der Patient mehr davon profitieren als darunter leiden.

Selbstverständlich werden manche Therapien angefangen, nicht weil der Mensch, der behandelt werden soll, danach gefragt hat, sondern weil eine Instanz, die mit ihm zu tun hat und sehr unzufrieden ist, Erleichte­rung erhofft und von der Therapie auf die eine oder andere Art zu profi­tieren gedenkt. In dieser Hinsicht brauchen wir nur an einen gereizten Ehemann zu denken, der eine sexuell und wirtschaftlich funktionsfähigere Frau wünscht, oder dann an Eltern, die ihr Kind mit aufmerksamer Hin­wendung immer wieder an sich binden. Auch Schulen, psychiatrische Spitäler, Firmen und städtische Fürsorgestellen können Menschen zur Be­handlung übergeben, nicht weil sie an das Wohl des einzelnen denken, sondern weil sie daran interessiert sind, dass die bestehende Gesellschaft so reibungslos wie möglich funktioniert. Die Menschen, die als Patienten gelten, stellen unter anderem Störungen in der Gesellschaft dar, weisen mit «ihren» Problemen auf Brüche und Unzulänglichkeiten im heutigen Miteinandersein hin, welche manche Vertreter der verschiedenen Macht­eliten nicht sichtbar haben wollen und eben durch «Therapie» zu beseiti­gen versuchen.

Erführen also die Patienten so bald wie möglich, und immer wieder, diese Tatsachen und Tendenzen, so würden sie, denke ich, viel kritischer sein, zurückhaltender im Rivalisieren mit anderen Patienten und Patien­tinnen ihrer Therapeuten und aufgeschlossener sein für die Idee einer Pa­tienteninteressengemeinschaft. Denn so gesehen, ist der Patient verbun­dener mit der Person, die vor und nach ihm zum Therapeuten geht, als mit dem Therapeuten selbst.

Es ist also klar, wozu die Patienten in dieser Lage herausgefordert werden. Sie stehen vor der furchtbar schweren Aufgabe, unkritisches, automatisiertes Gehorchen fremden Mächten gegenüber kennen zu ler­nen. Die Rücksicht, die sie meinen, täglich, stündlich, immer wieder, zei­gen zu müssen, muss untersucht werden, muss, wo es für sie ungünstig hergeht, beim Namen genannt werden; als Kadavergehorsam, als Fröm­melei, als Dienst der Unterdrückung, als Mitmachen im Verkennen per­sönlicher und fremder Lebensinteressen. 12) Wie eine Patientin von mir vor kurzem sagte: «Ich möchte endlich zu meinen Gunsten kommen, nicht zuerst an meinen Freund und seine Frau denken.» Eine andere Patientin meint, immer wieder Verständnis für die Unterdrückten aufbringen zu sollen. Wenn sie aber nicht an ihre eigene Befreiung denke und zu sich komme, nicht von sich aus vorgehe, nicht zu sich zurückkehre, könnten ihre Werke nicht überzeugen. 13)

Kurz: Die zur Zeit Herrschenden, die scheinbar weniger Abhängi­gen, behaupten immer wieder, die Beherrschten, die Entwicklungsuchen­den erkannt zu haben, sei der begünstigte Teil des Verhältnisses eine Grossmacht, die Entwicklungshilfe in ihrem Interesse einleitet, oder ein Therapeut, der den Grad an Echtheit in der Beziehung zwischen dem Patienten und ihm selbst bestimmen möchte. Was eigentlich sei, bean­sprucht der Stärkere zu wissen, die Instanz, welche die Hilfe leistet. Und laufe derjenige, der auf die «Entwicklungshilfe» angewiesen ist, nicht mehr oder weniger wie erwartet mit, so gerate er in die Gefahr eines Ent­zugs der Unterstützung und habe mit Repressalien zu rechnen. Wenn aber der auffallend abhängige Teil eines Verhältnisses anfängt, Definitio­nen, Bestimmungen, Deutungen, Konstruktionen und Theorien in Frage zu stellen, die er bislang unter sozialem Druck und aus einem Pflichtge­fühl heraus hingenommen hat, so fängt er an, sich in Bewegung zu setzen und ein Leben für sich zu schaffen. 14)

Eine Patientin von mir hat einmal dieses Problem des Bestätigen- und Ausführenmüssens so verstanden: «Früher sagte mein Vater, ich sei kalt, und seit Jahren höre ich von meiner Freundin das gleiche. Klar, ich war auf die Liebe von beiden angewiesen und hatte mich auf sie verlas­sen. So verstand ich mich als gefühlskalt. Nun bin ich auf Ihre Anerken­nung angewiesen, Herr Elrod, und versuche Ihr Verständnis von mir her­auszuspüren, damit ich es als mein eigenes übernehmen kann. Ich will Sie für mich gewinnen. Andererseits spüre ich stärker als je zuvor den Wunsch, frei zu werden. Und überhaupt: In welchen Strukturen kann sich ein Mensch entfalten, in welchen nicht? Ich möchte selbst feststellen, ob ich mir kalt oder warm vorkomme. Ihre Ideen will ich aber auch hart prü­fen. Ich will zu jemandem gehen, der amerikafreundlich ist, und hören, was er meint. Präsident Nixon will doch nur das Beste.»

Ich habe nichts dagegen, wenn die Patientin sich über ihre eigenen Emotionen und die Politik Richard Nixons umfassender informiert. Im Gegenteil, es liegt auch in meinem Interesse, dass sie einiges dazu tut, um über sich und Nixon besser Bescheid zu wissen. Eines meiner therapeuti­schen Ziele besteht ja gerade darin, den Patienten so zu unterstützen, dass er geschickter feststellen kann, was mit ihm getrieben wurde und wie die jeweiligen Machteliten gruppiert sind und sich zu reproduzieren versuchen. Und weil ich der Ansicht bin, meine Therapie ruhe zum Teil nicht auf blossen Meinungen, sondern auf nachweisbaren Erkenntnissen, halte ich es für unnötig und sogar unangebracht, meine Patienten mit Pro­pagandareden zu belästigen. Ich behaupte z.B., dass meine Nixon-Analy­se in den Grundzügen richtig ist, brauche mich also vor einer Kontrolle nicht zu fürchten. Das gleiche gilt, denke ich, für die Themen Klassen­kampf, Imperialismus, Rassismus, männlicher Chauvinismus und Homo­sexualität. 15)

In diesem Licht sehe ich den Patienten und mich in einem Bündnis, weil wir häufig eine enge, längere Verbindung eingegangen sind, um gemeinsame Interessen zu verfolgen. Mehr kann das Verhältnis vorläufig gar nicht sein! Der Mensch Patient ist definitionsgemäss der abhängige Unterlegene, der um Hilfe bittet. Und zu meinem Wirkungsbereich ge­hören die persönlichen und institutionalisierten «Befugnisse» des weissen, gesunden, erwachsenen, euroamerikanischen Fachmanns für Psychothe­rapie, der über «Gesundheit» und «Krankheit» entscheidet und die Organe der Therapie verwaltet. Nun versuche ich in diesem ideologischen Staats­apparat 16) auf den Patienten so zu wirken, dass er immer fähiger wird, selbst Lebensmöglichkeiten herauszufinden und diese auf seine Art zu verwirklichen. Ich bin also darauf gefasst, dass er in meinen Augen ir­gendwann einmal halt macht und sein Leben so lebt, wie es ihm liegt, eventuell weniger transparent, kraftvoll und verbindlich als ich es mir wünsche. Dies muss aber ausdrücklich in Kauf genommen werden, wenn unsere Beziehung den Bündnischarakter aufweisen soll! Meine Vorstel­lung seiner Entwicklung darf nicht verabsolutiert werden. Sie mag nicht sonderlich seiner (geänderten?) Erwartung entsprechen und kann schäd­lich für ihn sein. Er umgekehrt kann ebenso danebengeraten, wenn er seine persönlichen Sinngebungen und Zielsetzungen verabsolutiert. Kein zufriedenstellendes Bündnis kann mit anderen Worten zustande kommen, wenn jeder der Beteiligten fast ausschliesslich nur das macht, was ihm einleuchtet, was er für sinnvoll und nützlich hält. Strukturgemäss ist aller­dings der Patient der weitaus Exponiertere, und so versuche ich ihn so frei wie möglich entscheiden zu lassen. 17) Ich denke hier an den Kaukasi­schen Kreidekreis von Bertolt Brecht, 18) wo die Gestalt, die das Werden vertritt, aufgibt und loslässt, obwohl es weh tut, während die Instanz, welche auf (Recht) Haben beharrt, festhält.

So gesehen, trägt der Therapeut eine grosse Verantwortung. Wenn auch nicht in unmissverständlicher Deutlichkeit, trifft er als der gesunde, erfahrenere und mehr wissende Teil der Beziehung so viele Absicherun­gen zum risikovermindernden Umgang mit dem Patienten, dass er sehr leicht die Verfolgung gemeinsamer Interessen vernachlässigen kann. Tut er dies, so fördert er hauptsächlich mit seinem fachlichen Können nicht den Patienten, sondern das vorherrschende, soziale, politisch-ökonomi­sche System, das ihm in der Regel sowieso Status, Wirkung und Sub­stanz reichlich entgegenbringt. 19)

Es ist unumgänglich: Wie andere institutionalisierte Formen der Hil­feleistung entspricht meine Psychotherapie in wichtigen Punkten den psy­chologischen und sozialen Klassen- und Statusunterschieden in unserer Gesellschaft. Ich versuche allerdings, diese Differenzen so oft wie mög­lich freizulegen und ernst zu nehmen, vor allem, weil ich als Verwalter der technischen Macht «Psychotherapie» mich mit dem Patienten solidarisiere und mit ihm an der Dialogisierung unseres Miteinanderseins zusammen­arbeiten möchte. In meinen Augen ist die Therapie also einerseits Kampf, vordergründig zwischen zwei Personen, die ich Patient und Therapeut nenne und welche einander instrumentalisieren, um zu ihrem persönlichen Vorteil zu gelangen; andererseits ist die Therapie eine Kollaboration im Dienst des Lebens.

Offensichtlich bin ich in meinem Helfenkönnen und -wollen sehr be­grenzt. Immer wieder lerne ich Menschen kennen, die einerseits leiden und möchten, dass ihnen geholfen werde, andererseits nicht dazu in der Lage sind, sich mit mir zu verständigen, mein professionelles Angebot zu akzeptieren und die Gemeinschaftsarbeit verbindlich aufzunehmen. Manchmal ist es, als könnten sie eine Schwelle der Angst nicht über­schreiten, andere Male wirken sie stolz, geizig oder bequem. Es gibt je­doch Menschen, die mit vollem Bewusstsein auf das Ernstnehmen meiner Psychotherapie verzichten, da sie sich unfähig vorkommen, die wahr­scheinliche Wendung zum persönlichen Glück auszutragen. Sie denken, wie wenn sie unter dem Einfluss der Mutter in Ernst Barlachs Theater­stück Der tote Tag stünden, dass sie ihren Mann, ihre Frau oder die Fa­milie ins Unheil stürzen würden, wenn sie einen entscheidenden Schritt zu sich selbst machten: Das Zu-sich-Kommen erleben sie, und oft auch ihre nächste Mitwelt, als ein endgültiges Sich-Entfernen vom bisherigen Bezugsrahmen. Dem Frieden, meistens der «Familie» zu Liebe stellen sie diese Bewegung ab und nehmen sich vor, ihre so gewordene Situation nicht mehr ändern zu wollen.

Meine Haltung in diesen Fällen – und es kann sich um Leben und Tod ganz konkreter Art handeln – ist meistens die: Ich versuche die Lage des Patienten und die Situation, in der wir uns befinden, geschichtlich dynamisch zu erkennen und meine Analyse und Prognose dem Patienten, eventuell seinem Ehepartner oder seinen Familienmitgliedern mitzuteilen. Diese Kommunikation kann beunruhigen, ja sogar sehr in Wut versetzen, aber ich finde es angemessener, Menschen, die mich meistens in grossem Zweifel aufgesucht haben, um von mir entweder therapiert oder beraten zu werden, meinen Befund mitzugeben, als ihn für mich aus ökonomi­schen Gründen zu behalten. 20) Und wer weiss, vielleicht kann gerade diese für alle Beteiligten unangenehme Meldung eine therapeutische Wirkung erzielen, da ich stellvertretend für den Patienten das Risiko des Sich-Öff­nens freiwillig auf mich genommen habe.

Meines Erachtens hat man es hier mit einer in Wort und Tat bejahen­den Einstellung zum sozialen Leben zu tun, ganz gleich, ob der Patient oder der Therapeut sie zeigt. Die Haltung allein, ob im Verborgenen oder in aller Offenheit, schlicht oder kompliziert, in theologischer, psychologi­scher oder prosaischer Sprache formuliert, scheint allerdings nicht zu ge­nügen, um gesund zu werden. Vorsätze, Entwürfe und Pläne regen zwar eine Zeitlang an, aber der Mensch versandet bald, wenn er sich nicht ein­setzt und versucht, die Ideen einzulösen: the proof of the pudding ist im­mer noch in the eating.

Und was heute genügt, reicht morgen nicht mehr! Es gibt Patienten, die stillschweigend annehmen, dass sie gesund werden, wenn sie die Therapiestunden einhalten, pünktlich erscheinen und bezahlen, sich ihre Träume merken und sie erzählen und dem Therapeuten die ihnen nötig erscheinende Ehrerbietung zeigen, usw. Manche Patienten kommen auch nach ihrem Gutdünken tatsächlich eine Weile auf diese Art und Weise voran. Sie werden in der Arbeit leistungsfähiger, weniger ängstlich und gehemmt, ausgeglichener in der Freizeit und blicken mit Hoffnung in die Zukunft. Nur gewisse Kernsymptome haben sich meistens nicht geändert – ich denke hier an Vaginismus, Zwänge und verschiedene Formen des Narzissmus – und um diese Störungen in den Griff zu bekommen, scheint erhöhter Einsatz auf längere Zeit erforderlich. Dieser Einsatz kommt eben nicht von selbst wegen der Ambivalenz: des Wollens und Nichtwollens, des Könnens und Nichtkönnens. Die Ambivalenz zeigt sich ja trotz grundsätzlicher Bejahung der Therapie gerade darin, dass der Patient sich immer wieder auf die Seite des bestehenden, jedoch nicht be­friedigenden Systems schlägt, gegen verbindliches Wissen, das eventuell Töchter von Grossunternehmern auf bescheidene, jedoch gesundheitsför­dernde Arbeit hinweist, oder umgekehrt die Aufmerksamkeit ökonomisch einfach lebender Menschen auf Aufgaben lenkt, an deren Bearbeitung sie sich beteiligen könnten und für die sie sich völlig überfordert vorkom­men.

In meiner Therapie versuche ich die Ambivalenz anzugehen, indem ich dem Patienten und mir zu neuen Erfahrungen verhelfen möchte. Öf­ters ist dies ein dringendes Anliegen des Patienten. Er ist nämlich meis­tens zu mir gelangt und geblieben, weil er Lebenszeichen nicht oder kaum mehr sieht, weil er nicht oder kaum mehr glaubt, dass er fähig wird, seine trostlose Situation zu verändern, sie zu verbessern. Mit mir erwartet der Patient, wenn auch nicht in der Weise wie ich, dass es anders wird, und ich hoffe auf Erfahrungen, die zur Erschliessung des Ausgeschlosse­nen, zur Entwicklung des Erstarrten und zur Befriedigung des Vitalen beitragen werden. Die therapeutische Sitzung ist der geeignete Ort für uns, diese neuen Erfahrungen entweder zu machen oder festzustellen, ganz egal ob sie mit dem Leben im Traum oder im wachen Zustand zu tun haben. Und meistens geht es bei diesen neuen Erfahrungen um Spra­che, Sinneswahrnehmungen und Verständnis für Körper, Symptome und Arbeit, wobei sexuelle und politisch ökonomische Kräfte das Ganze zu prägen scheinen.

Ich weiss sehr wohl, dass ich ausführlich beschreiben sollte, was ich unter «neue Erfahrungen machen» verstehe. Ich habe es auch vor. Und besonders wichtig und vorrangig scheint mir die Darlegung und Analyse meiner Finanzpolitik, wobei ich den sexuellen Verknotungen zwischen dem Patienten und dem Therapeuten gleiche Bedeutung wie der Finanz­frage beimesse und über diese möchte ich nächstens schreiben.

Den Zweck dieses Aufsatzes betrachte ich allerdings als erfüllt. In grossen Umrissen habe ich versucht, die Art Psychotherapie zu beschrei­ben, die ich praktiziere und verantworte. Die Darstellung bleibt vielleicht an manchen Stellen zu allgemein, an anderen zu detailliert. Immerhin glaube ich, meine Absichten in der Therapie genügend klar formuliert zu haben, dass sowohl der mir unbekannte Leser als auch der mir bekannte Patient ein umfassendes Bild von meinem Vorgehen bekommt.

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1. Thomas S. Eliot (1950) hat diesen Aspekt der Beziehung Arzt/Patient treffend be­schrieben. In Die Cocktail Party erwähnt er zuerst, dass der Mensch sich immer wie­der auch als Ding zu realisieren habe:
Sie sind plötzlich reduziert auf den Stand eines Objekts –
Ein lebendes Objekt, aber nicht mehr ein Mensch.
Das geschieht sehr oft, weil man sowohl Objekt
Wie Mensch ist
(S. 30).
Danach bringt Eliot folgendes Beispiel aus dem Umgang zwischen Arzt und Patient:
Nehmen wir eine chirurgische Operation an.
Bei der Konsultation mit Arzt und Chirurg,
Beim Zubettgehen in der Klinik,
Im Gespräch mit der Oberin, sind Sie noch Subjekt,
Das Zentrum der Wirklichkeit. Aber ausgestreckt auf dem Tisch,
Sind Sie für Ihre Umgebung, für die maskierten Akteurs,
Nichts als ein reparaturbedürftiges Möbelstück;
Nur Ihr Körper ist von Ihnen noch da,
Ihr «Selbst» ist entwichen
(S. 30–31).
Nebenbei möchte ich anführen, dass ich Eliots hier vertretene Auffassung von «Körper» und «Selbst» nicht teile. Ich sehe ebenso viel von mir in meinem Körper als in meinem Bewusstsein von meinem Körper. Also müsste ich den letzten Satz etwa so formulieren: Das Selbsterlebnis als ein bewusstes Ich mit einem Körper ist aufge­hoben. Ihr «Selbst» hat man eingeschläfert, aber Sie existieren weiterhin, wie seit der Geburt, als Körper in einer Körperwelt.
2. Die Schilderung der Gestalt Thomas in Michelangelo Antonionis Blow Up zeigt auf eindrucksvolle Art und Weise, wie ein Mensch merklich verunsichert wird, wenn er anfängt, die Dinge, z.B. Reize, Vorstellungen, Reproduktionen und Wissen, im Zu­sammenhang zu sehen. Siehe Robin Wood (1968).
3. Seale (1970, S. 48).
4. Vor kurzem hat Herbert Marcuse seine Haltung heute ähnlich beschrieben:
Frage: Was ist Ihr letzter moralischer Beweggrund, sich so sehr für eine radikale Politik zu engagieren?
Marcuse: Zu engagieren? Sehen Sie, für mich ist das gar kein besonderes Engagement. Das kommt ganz natürlich, ganz spontan. Ich kann eben einfach heute nicht denken, ohne als selbstverständlich mitzudenken, was um mich herum vorgeht, was in der Welt geschieht. Und zwar nicht nur in meiner näheren Umgebung, sondern in den Ghettos in den Vereinigten Staaten, in Südostasien, in Lateinamerika, überall wo das Elend und die Grausamkeit und die Unterdrückung einem ins Gesicht starren, selbst, wenn man nicht hinsehen will, man fühlt es, man liest es, man weiss es. Ich würde sagen, das ist für mich kein besonderes Engagement, das ist der na­türliche Ausdruck meiner Existenz (Franz Stark, 1971, S. 40).
5. Hierin bin ich wiederum mit Eliot (1938) einverstanden:
Erster Priester
Heut? Was ist Heut? Eine weitere Nacht und ein weiteres Morgen.
Dritter Priester
Welcher Tag ist der, um den wir wissen, der, auf den wir hoffen,
den wir fürchten?
Jeder Tag ist der Tag, den wir fürchten sollten oder hoffen.
Jeder Augenblick
Wiegt wie der andre. Nur der Rückblick lehrt uns, erklärt uns:
«Dies war der Tag.» Der Augenblick des Gerichts
Ist immer heut und hier. Auch heut, im schäbigsten Geschehn,
Kann sich der ewige Wille kundtun.
(S. 52)
Denken und Handeln haben mit der sich ändernden objektiven Lage Schritt zu halten. Wird aber meine Teilnahme an der Lage der Mehrheit der Menschen, an der aktuellen Wirklichkeit, geschwächt, so ist die Gefahr grösser, dass ich entweder be­kannte Illusionen für jetzige Wahrheiten halte, oder verfrüht in der Gegenwart Ideen zu verwirklichen versuche, die erst in der Zukunft realisiert werden können. Grund­gedanke hier ist folgender:
Durch die Praxis die Wahrheit entdecken und in der Praxis die Wahrheit bestätigen und weiterentwickeln; von der sinnlichen Erkenntnis ausgehen und diese aktiv zur rationalen Erkenntnis fortentwickeln, sodann wieder, ausgehend von der rationalen Erkenntnis, aktiv die revolutionäre Praxis anleiten, die subjektive und objektive Welt umzugestalten; Praxis, Erkennt­nis, wieder Praxis und wieder Erkenntnis – diese zyklische Form wieder­holt sich endlos, und der Inhalt von Praxis und Erkenntnis wird bei jedem einzelnen Zyklus auf eine höhere Stufe gehoben. Das ist die ganze Er­kenntnistheorie des dialektischen Materialismus, das ist die dialektisch-materialistische Theorie der Einheit von Wissen und Handeln (Mao Tse-tung, 1937, S.25).
6. Bei Matthäus 6,34 heisst diese Idee so: «Darum sorget nicht für den andern Mor­gen; denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass ein jegli­cher Tag seine eigene Plage habe.» W. E. Burghardt Du Bois (1896) hat sie so for­muliert: «Daraus können wir schliessen, dass es Nationen wie Menschen obliegt, Din­ge genau dann zu tun, wenn sie getan werden müssen» (S. 199).
7. Und wenn es herauskäme, dass Mitglieder meines Familienkreises der Meinung wä­ren, dass ich mich ihnen mehr widmen sollte, dann würde ich versuchen, ihrem Anlie­gen nachzukommen. Falls dies nur wochentags möglich wäre, so würde ich meine Pa­tienten bitten, zu einer anderen ihnen genehmen Zeit zu kommen, auch am Samstag­abend oder Sonntag, wenn nötig. Ich selbst bestimme sowieso nicht sonderlich den Zeitpunkt für das Treffen mit den einzelnen Patienten. Alle kommen mehr oder weni­ger dann, wenn es sie am wenigsten stört und ihnen am besten passt. Bei mir ist es hauptsächlich wichtig, dass ich keine Patienten zwischen ungefähr 13.00 und 16.30 Uhr in der Praxis sehe und zweimal in der Woche tagsüber einige Stunden lang ohne Unterbrechung schreiben kann.
8. Im kommunistischen Manifest meine ich den gleichen Gedanken in anderer Klei­dung vorzufinden. Dort lautet er: «In dem Masse, wie die Exploitation des einen Individuums durch das andere aufgehoben wird, wird die Exploitation einer Nation durch die andere aufgehoben» (Karl Marx und Friedrich Engels, 1848, S. 64‑65). Gerade in den letzten Tagen kam mir ein Zitat von Ferdinand Lassalle in die Hände, welches gerade das Gegenteil von dem, was ich meine, nämlich dass ich zur Gruppe unterdrückter Menschen gehöre und mich für uns alle einsetzen möchte, ausdrückt. Lassalle erwähnt, wie er 1863 sich sehr aufopfernd um die Arbeiter bemüht hatte und nur etwa 1000 Mitglieder für seinen Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gewinnen konnte. Wörtlich schreibt er: «Solche Apathie bei einer Bewegung, die rein für sie, rein in ihrem Interesse stattfindet … ! Wann wird dieses stumpfe Volk endlich seine Lethargie abschütteln!» (Lassalle zitiert in: Franz Mehring, 1877, S. 23.) Lassalle fragt sich hier nicht, ob seine aggressiv klingende Ungeduld dem Stand der Dinge an­gemessen ist, ob er selbst die Situation vielleicht falsch versteht, etwas von den ande­ren und sich erwartet, was noch nicht reif ist. Er scheint die Geschicke lenken zu wol­len. Die schwunglosen Schritte des Fussvolks sind ihm zu langsam.
9. Sontag (1964, S. 7).
10. Einlösen möchte ich die Erkenntnisse, die wir in der Therapie erringen. Bewusst­seinsbildung, Bewusstseinserweiterung, Stärkung des Bewusstseins, usw., all diese Vorgänge sehe ich in untrennbarem Zusammenhang mit dem Handeln des Bewusst­seinsträgers. Wie Antonioni (1960) einmal über den «Held» in seinem Film L’Avven­tura sagte:
In L’Avventura ist die Katastrophe ein … erotischer Antrieb: billig, nutzlos, unglücklich. Und es genügt nicht, zu wissen, dass es so ist. Denn der Held … meines Films ist sich völlig bewusst, wie roh und sinnlos dieser erotische Impuls ist, der ihn ergreift. Aber das genügt nicht. Hier geht ein … Mythos zugrunde: die Illusion, dass es genüge, sich zu kennen, sich in den verborgensten Winkeln seiner Seele sorgfältig zu analysieren. Nein, das genügt nicht. Jeden Tag erlebt man das «Abenteuer», ob es nun sentimental, moralisch oder ideologisch sei.
Dieser Text wurde bei der Aufführung von L’Avventura in Cannes verteilt und erschien am 2. Juni 1960 in den Lettres Françaises.
11. Whitaker und Malone (1953, S. 80-118).
12. Solange die «Zofen» dieser Erde nur auf ihre «gnädigen Frauen» eingestellt sind, werden die bisherigen Herrschaftsverhältnisse von Herr und Knecht fortgesetzt. Und dass diese verführerisch schön sein können, weiss Jean Genet (1946) im Vollzug ihrer Überwindung zu schildern:
Denn die gnädige Frau ist gut, die gnädige Frau ist schön, die gnädige Frau ist sanft. Aber wir sind auch nicht undankbar, und jeden Abend beten wir für sie in unserer Mansarde, so wie es die gnädige Frau angeordnet hat. Niemals erheben wir die Stimme, und wir wagen nicht einmal, uns vor ihr zu duzen. So tötet uns die gnädige Frau mit ihrer Sanftmut. Die gnädige Frau geht uns auf die Nerven mit ihrer Güte. Denn die gnädige Frau ist gut! Die gnädige Frau ist schön! Die gnädige Frau ist sanft! Sie genehmigt uns jeden Sonntag ein Bad, sogar in ihrer Badewanne. Manchmal reicht sie uns eine Zuckermandel. Sie überschwemmt uns mit verwelkten Blumen. Die gnädige Frau richtet unsere Gesundheitstees. Die gnädige Frau spricht zu uns über den gnädigen Herrn, dass wir eifersüchtig werden. Denn die gnädige Frau ist gut! Die gnädige Frau ist schön! Die gnädige Frau ist sanft (S. 77)!
In Ernst Barlachs Der tote Tag versucht der Sohn als Träger des neuen Lebens seine Interessen von denen seiner Mutter als Vertreterin des bestehenden Ordnungs­systems zu erkennen und sie zu verwirklichen. Nur zeigt er sich zu naiv, wenn er an­nimmt, er könne das Alte unverändert bewahren, während er das Neue vollbringt:
SOHN: Vielleicht habe ich … von Zukunft geträumt.
MUTTER: Nun, das ist deine Sache, in deiner Zukunft bin ich nicht dabei.
SOHN: Du nicht? Da verlass dich auf mich. Sohnes-Zukunft ist Mutter-Zukunft, wie soll es anders sein?

MUTTER: Falsch, Sohnes-Zukunft ist Mutter-Vergangenheit. Deine Zu­kunft bringt mich um, das musst du wissen.
SOHN: Wie kann das angehen? Wenn du nicht wärest, wäre ich nicht – und solange ich bin, musst du auch sein.
MUTTER: Sieh an, wenn du nicht bei mir bist, so ist es dasselbe, als wä­rest du gar nicht – ich wäre auch nicht Mutter, was sollte ich sonst sein, was könnte ich sonst werden? Hart. Einst hab’ ich dich in diesem Gemach zur Welt gebracht: da gab ich mein Leben an deines weiter, denn kein an­deres Leben hast du als meines. Ich wurde mein Sohn, und nur, weil ich von dir Liebe empfing, gabst du mir zum eigenen Leben so viel zurück, wie ich zur Notdurft brauchte. Du hast mein Leben empfangen, das vergiss nicht, und wenn du fort bist, wer soll mir Leben schaffen? Alles, was mein ist, hast du im Besitz, wenn du es mit dir in die Zukunft trägst, so muss ich darben und sterben.
(1912, S. 17–18)

Die Beispiele von Genet und Barlach, und es gibt noch manche andere, zeugen vom zähen Widerstand entwicklungsfeindlicher Kräfte, welche weder der Patient noch der Therapeut je unterschätzen sollte.
13. Dazu ein Zitat aus Aldous Huxley (1952):
Das alles erklärt, warum die meisten guten Werke, welche solche sein wol­len, bis zu einem Grad unwirksam sind, wo sie fast schlechte Werke wer­den. Wenn der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist, so ist er das, weil die meisten Menschen, da sie sich für das innere Licht blind ge­macht haben, tatsächlich unfähig sind, eine rein gute Absicht zu hegen. Aus diesem Grund, sagt Lallemant, müsse das Handeln immer in geradem Verhältnis zur Kontemplation stehen. «Je verinnerlichter wir sind, … desto mehr dürfen wir äusserlich unternehmen; je weniger verinnerlicht, desto mehr sollten wir uns von Versuchen, Gutes zu tun, zurückhalten.» Und an anderer Stelle: «Man beschäftigt sich mit Werken des Glaubenseifers und der Barmherzigkeit; aber geschieht es aus einem reinen Beweggrund zu Glaubenseifer und Barmherzigkeit? Geschieht es nicht vielleicht, weil man eine persönliche Befriedigung in dergleichen findet, weil einem nicht an Gebet oder Studium liegt, weil man es nicht erträgt, in seinem Zimmer zu bleiben, weil man Abgeschlossenheit und Gesammeltsein nicht aushalten kann?» … Der äussere Anschein guten Tuns ist oft sehr trügerisch … Ohne die selbstlose Verinnerlichung, die die Vorbedingung für Inspiration ist, bleibt Begabung fruchtlos und Eifer und angestrengte Arbeit bringen nichts von spirituellem Wert hervor. … Ein ausschliesslich äusseres Wirken mag wohl eine Veränderung äusserer Umstände bewirken; aber der Werktätige, der die Reaktionen der Menschen auf die Umstände – und man kann sogar auf die beste Umwelt zerstörerisch, ja selbstmörderisch reagieren – zu ändern wünscht, muss damit beginnen, seine eigene Seele zu läutern und sie für Inspiration aufnahmefähig zu machen (S. 81–82, Huxley zitiert aus Père Louis Lallemants La Doctrine Spirituelle).
14. Ob dieses Leben gehalt- und sinnvoller wird, also schöner, praktischer, vernünfti­ger, edler, besser oder humaner, das alles steht hier zunächst nicht zur Diskussion. Siehe Stokeley Carmichael (1968).
15. Hingegen in der Behandlung von sogenannten Grenzfällen scheinen mir viele mei­ner Ideen richtig zu sein, aber der gewünschte Erfolg in den konkreten Behandlungs­situationen ist nicht entsprechend.
16. Siehe Louis Althusser (1970).
17. Du Bois hat diese Idee 1903 in seiner Lage als benachteiligter Schwarzer in den USA so formuliert:
Es ist sehr wahr, wenn man sagt, der Neger muss, um sich selbst zu helfen, kämpfen, heftig kämpfen; es ist genauso wahr, dass der Neger auf keinen grossen Erfolg hoffen kann, wenn die reichere und erfahrene Gruppe, die ihn umgibt, seinen Kampf nicht nur einfach unterstützt, sondern ihn viel­mehr dazu aufrüttelt und ermutigt (S. 53).
18. Brecht (1955, S. 139-142).
19. Siehe Franco Basaglia (1968a, S. 126-127).
20. Wegweisend für mich in solchen Situationen ist das mittlere Stück in Brechts (1939) «Gleichnis des Buddha vom brennenden Haus». Es lautet folgendermassen:
Neulich sah ich ein Haus. Es brannte. Am Dache
Leckte die Flamme. Ich ging hinzu und bemerkte,
Dass noch Menschen drin waren. Ich trat in die Tür und rief
Ihnen zu, dass Feuer im Dach sei, sie also auffordernd,
Schnell hinauszugehen. Aber die Leute
Schienen nicht eilig. Einer fragte mich,
Während ihm schon die Hitze die Braue versengte,
Wie es draussen denn sei, ob es auch nicht regne,
Ob nicht doch Wind ginge, ob da ein anderes Haus sei,
Und so noch einiges. Ohne zu antworten,
Ging ich wieder hinaus. Diese, dachte ich,
Müssen verbrennen, bevor sie zu fragen aufhören. Wirklich,
Freunde,
Wem der Boden noch nicht so heiss ist, dass er ihn lieber
Mit jedem andern vertausche, als dass er dabliebe, dem
Habe ich nichts zu sagen.
(S. 29–30)

Quellen

Althusser, Louis (1970), Ideology and Ideological State Apparatuses. Lenin and Philosophy and other essays, aus dem Französischen ins Englische übersetzt von Ben Brewster. London: NLB, 1971, S. 121–173.

Antonioni, Michelangelo (1960), Pourquoi j’ai fait L’Avventura. Lettres françaises, 26 mai–2 juin, S. 1.

Barlach, Ernst (1912), Der tote Tag. Der tote Tag, der arme Vetter. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1963.

Basaglia, Franco (1968a), Die Institutionen der Gewalt. In: Basaglia (1968b, S. 114–161).

________, Hrsg. (1968b), Die negierte Institution oder die Gemein­schaft der Ausgeschlossenen. Ein Experiment der psychiatrischen Klinik in Görz, aus dem Italienischen übersetzt von Anneheide Ascheri-Osterlow. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1971.

Brecht, Bertolt (1939), Gleichnis des Buddha vom brennenden Haus. Kalendergeschichten. Hamburg: Rowohlt, 1959, S. 29–30.

________(1955), Der Kaukasische Kreidekreis. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1963.

Cameron, Ian und Wood, Robin (1968), Antonioni. London: Studio Vista.

Carmichael, Stokeley (1968), Black Power, aus dem Englischen übersetzt von Hans Werner Sass. In: Cooper (1968, S. 27–43).

Cooper, David, Hrsg. (1968), Dialektik der Befreiung, aus dem Engli­schen übersetzt von Hans Werner Sass. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1969.

Du Bois, W. E. Burghardt (1896), The Suppression of the African Slave-Trade to the United States of America 1638–1870. New York: Schocken Books, 1969.

________(1903), The Souls of Black Folk. Essays and Sketches. Green­wich, Conn.: Fawcett Publications, 1961.

Eliot, Thomas S. (1938), Mord im Dom, aus dem Englischen übersetzt von Rudolf Alexander Schröder. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1971.

________(1950), Die Cocktail Party, aus dem Englischen übersetzt von Nora Wydenbruck. Berlin: Suhrkamp Verlag, 1965.

Genet, Jean (1946), Die Zofen, aus dem Französischen übersetzt von Gerhard Hock. Unter Aufsicht. Die Zofen. Der Balkon. Frankfurt am Main und Hamburg: Fischer Bücherei, 1960.

Huxley, Aldous (1952), Die Teufel von Loudun, aus dem Englischen übersetzt von Herberth E. Herlitschka. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1966.

Mao Tse-tung (1937), Über die Praxis. Über Praxis und Widerspruch. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 1968, S. 7–25.

Marx, Karl und Engels, Friedrich (1848), Manifest der Kommunistischen Partei. Berlin: Dietz Verlag, 1970.

Mehring, Franz (1877), Zur Geschichte der deutschen Socialdemokratie. Magdeburg: Faber.

Seale, Bobby (1970), Wir fordern Freiheit. Der Kampf der Black Panther, aus dem Englischen übersetzt von Regine Wolf. Frankfurt am Main und Hamburg: Fischer Bücherei, 1971.

Sontag, Susan (1964), Against Interpretation. Against Interpretation and Other Essays. New York: Farrar, Straus & Giroux, 1967.

Stark, Franz, Hrsg. (1971), Revolution oder Reform? Herbert Marcuse und Karl Popper. Eine Konfrontation. München: Kösel-Verlag.

Whitaker, Carl A. und Malone, Thomas P. (1953), The Roots of Psycho­therapy. New York und Toronto: The Blakiston Company.

Wood, Robin (1968), Blow up. In: Cameron und Wood (1968, S. 125–140).