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1958

Zur Phänomenologie der Besserung in der Psychotherapie

Brief von Ludwig Binswanger



Aus Psychotherapie der Schizophrenie. Rückblick auf eine 50-jährige Arbeit als Psychoanalytiker und Supervisor in psychiatrischen Institutionen (2002), herausgegeben von Norman Elrod, Kap V, S. 375–376.

 

Ludwig Binswanger Dr. med. Dr. phil. h.c.

 

Herrn Dr. Norman Elrod Nänikon/Greifensee

 

Kreuzlingen, 28. März 1958

 

Lieber Herr Doktor! Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen erst heute für die Übersendung Ihrer Phänomenologie der Besserung … danke. Mein Dank sollte aber erst kommen, nachdem ich … [den Text] genau gelesen hätte. In den Ferien wurde ich mit der Lektüre nicht ganz fertig, da ich eine Festrede zum 75. Geburtstag von [Victor Emil Freiherr] von Gebsattel in Würz­burg verfassen musste und hier gleich viele Abhaltungen kamen. Nun habe ich aber … [Ihre] Schrift Zeile für Zeile mit allergrösstem Interesse, Gewinn und mit aufrichtiger Bewunderung gelesen. Ich weiss nicht, was ich mehr anerkennen soll, Ihre Güte, Ihren Mut, Ihre Ausdauer und Kräf­te oder Ihr hervorragendes Verständnis für Ihren «Fall» und die schizo­phrene Daseinsweise überhaupt. Ich habe mich natürlich sehr gefreut über Ihre Widmung an den «Bahnbrecher für diese Arbeit» und habe auch immer wieder gespürt, wo und wie ich einen Hintergrund für Ihre Arbei­ten bedeuten konnte. Ich wüsste kaum einen Punkt, in dem ich nicht mit Ihnen einig wäre, zumal Sie mit Ihren Interpretationen immer so vorsich­tig sind und sich sowohl im Einzelnen als hinsichtlich des ganzen Falles vor Verallgemeinerungen hüten. Ich freue mich, Ihnen sagen zu können, dass ich aus Ihrer Darstellung auch für mich persönlich viel gelernt habe. Sie haben Ihren Patienten und Freund phänomenologisch so gut be­schrieben und erfasst, dass man mehr noch als bei den Fällen von Mme. Séchehaye und Christian Müller den Eindruck bekommt, dass es sich beim Schizophrenen, um im Bilde zu reden, wie um einen Menschen han­delt, dem man die Haut abgezogen hat und von dem man doch verlangt, dass er weiterhin mit uns lebt und so lebt wie wir. Daher seine enorme Sensibilität, Vulnerabilität und sein Schutz- und Verteidigungsbedürfnis. Ich müsste eine ganze Arbeit schreiben, wenn ich sagen wollte, was mir im Einzelnen einen besonderen Eindruck gemacht hat. Ich möchte aber doch erwähnen, dass mir Ihre Interpretationen der Geschichte vom Passa­gierflugzeug, vom Herbstspaziergang und vom Hahn auf dem Kirchturm, sowie insbesondere die Art und Weise, wie Sie diese «Geschichten» in Beziehung zu einander gebracht haben, und zwar gerade im Hinblick auf die Phänomenologie der Besserung, erst recht einen besonderen Ein­druck gemacht hat und dass mich Ihre Findigkeit hinsichtlich der Auf­deckung der Beziehung zwischen ihnen in Erstaunen versetzt hat. Ich kann Ihnen nur sehr herzlich gratulieren. – Ihr Einleitungskapitel, der Ausblick auf die Literatur, ist sehr verdienstlich. Viele Leser werden Ihre eigene «Definition» der Besserung vermissen, vergessend, dass es Ihnen gerade nicht um eine Definition, sondern um eine Phänomenologie der Besserung in einem besonderen Fall zu tun war. Auch das Vorwort von Prof. Benedetti und die Einführung von Siirala haben mich sehr gefreut. Jeder Leser wird natürlich gespannt sein, in einigen Jahren weitere ka­tamnestische Angaben von Ihnen zu erhalten. Aber selbst wenn schwe­rere Rückfälle auftreten würden, wäre das Verdienst Ihrer Arbeit dadurch keineswegs geschmälert, und jedenfalls müssen sie nicht auftreten, nach­dem Sie dem Patienten wieder eine neue Haut gegeben haben. Der Ver­gleich mit der Haut hinkt natürlich insofern, als es sich nicht nur um eine periphere Einbusse an Schutz handelt, sondern um eine durchaus zentrale Veränderung des In-der-Welt-seins, von der die periphere Schutzlosigkeit sowohl für den Kranken selbst als für uns nur einen Teilaspekt bildet. … Eine weitere Freude war es mir zu sehen, dass Sie Ihre erste grosse Ar­beit Ihrem Lehrer Wilhelm Keller gewidmet haben … [Kurz: nach einem genauen] Studium … [Ihrer] Schrift über die «Phänomenologie der Besse­rung» … betrachte … ich [sie] als einen im vordersten Range der Schriften über die Psychotherapie chronischer Schizophrener stehenden Beitrag…

 

Mit den freundlichsten Grüssen, auch an Ihre Gattin, und in der Hoffnung, dass Sie uns einmal besuchen werden,

 

Ihr L. Binswanger