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1957

Zur Phänomenologie der Besserung in der Psychotherapie

Vorwort von Gaetano Benedetti



Aus Psychotherapie der Schizophrenie. Rückblick auf eine 50-jährige Arbeit als Psychoanalytiker und Supervisor in psychiatrischen Institutionen (2002), herausgegeben von Norman Elrod, Kap III, S. 75–78.

Das Problem, was unter dem Begriff der Besserung in der Psycho­therapie zu verstehen sei, gehört seit jeher zu den zentralen Anliegen je­ner Psychologie, die sich aus den Erfahrungen am seelisch Kranken ent­wickelt haben. Es hat aber besonders in der jüngsten Zeit, namentlich seit der Entwicklung neuer psychotherapeutischer Versuche an schizophrenen Geisteskranken, an aktueller Bedeutung gewonnen. Sofern die Psycho­therapie jenen Menschen gilt, die in ihrem Berufs- und Familienleben auf quälende Schwierigkeiten stossen und in der dialogischen Selbstausspra­che mit einem Psychotherapeuten die Erhellung und Überwindung ihrer inneren und sozialen Konflikte suchen, bleibt die Frage der Besserung bzw. der Heilung vorwiegend eine private Angelegenheit von zwei Men­schen, dem Patienten und seinem Therapeuten, welche an diesem dialogi­schen Geschehen der Selbstmitteilung und der Selbstverwirklichung un­mittelbar beteiligt sind. Wo sich aber der Psychotherapeut jenen Men­schen zuwendet, die wie die somatisch Kranken und Geisteskranken durch ihr Leiden nicht mehr vor allem sich selbst, sondern einem pfle­genden mitmenschlichen Kreis überantwortet werden (Klinik, Behörde usw.), muss die Frage nach dem Wesen der Besserung zu einer öffentli­chen Angelegenheit dieser sozialen und medizinischen Instanzen werden, welche über das weitere Schicksal der psychotherapeutischen Begegnung (deren Fortsetzung, deren Einschränkung, Abbruch usw.) wesentlich mit­zuentscheiden haben.

Das Problem lässt sich aber keinesfalls nach eindeutig festlegbaren naturwissenschaftlichen Kriterien umschreiben und beantworten, weil es zum vornherein unsere Ausgangsstellung in der Beurteilung der uns be­gegnenden Phänomene, eigentlich unsere mitmenschliche Existenz selber, in Frage stellt. Ob wir ein «Symptom» als Zeichen der Besserung ansehen oder nicht, mag in vielen Fällen wesentlich davon abhängen, wie wir auf die sich in jenem Symptom ausdrückende menschliche Situation hören und wie wir zu der durch jenes Symptom und Verhalten in Frage gestell­ten menschlichen Ordnung stehen. Das Problem der Besserung in der Psychotherapie führt somit zu einer Erörterung unserer existentiellen Grundlage im Miteinandersein mit den Kranken. Und diese Auseinander­setzung kann ausgetragen werden eigentlich erst im Rahmen einer fakti­schen Begegnung mit dem Kranken und seinem Anspruch. Von dort müs­sen all unsere Betrachtungen ausgehen und in deren Licht müssen sie im­mer neu überprüft werden. Kriterien, die uns bei der sozialen und medizi­nischen Umschreibung des Begriffes Besserung helfen, müssen im Laufe einer Psychotherapie oft in Frage gestellt werden, sei es, dass sie nicht voll dazu reichen, die inneren Möglichkeiten und Lebensakte des Kran­ken zu ertasten, sei es, dass sie als eine vorgreifende Einengung des erst zu erfahrenden Begegnungsortes eher ein Hindernis zu der vollen psycho­therapeutischen Kommunikation darstellen können.

Die vorliegende Arbeit ist ein wertvoller Beitrag zur Beantwortung dieser Problematik; vor allem auch deswegen, weil die Antwort auf die Frage kein festgelegtes Ergebnis sein will, sondern ein Offenwerden auf die Möglichkeit, das Problem selber als Aufgabe tiefer zu hören und zu erfahren.

In einem ersten Teil lässt Elrod die vielen Psychotherapeuten, die sich einmal in grundlegenden Schriften darüber geäussert haben, was eine Besserung in der Psychotherapie sei, miteinander ins Gespräch kommen. Wir finden dabei keine blosse Aneinanderreihung von Zitaten, sondern auch Antworten auf direkte Fragen, die Elrod in seinem Briefwechsel an die Autoren stellt. Im zweiten Teil hören wir der psychotherapeutischen Begegnung des Autors mit einem chronisch Schizophrenen zu: mit einem jener zerfahrenen und versandeten Kranken, die als Unheilbare jahrelang vegetieren und deren Gespräch mit uns zu ein paar stereotypen Worten der Begrüssung zusammengeschrumpft ist. Dieser Kranke lebt heute nach zweieinhalb Jahren Therapie ausserhalb der Anstalt, er versieht eine un­selbständige, aber geordnete Arbeit als Maler und nimmt an seinem Fa­milienleben wieder Anteil. Er befindet sich in einem Zustand, den wir Psychiater als «schizophrenen Defekt» bezeichnen können. Eine Besse­rung ist da unzweifelhaft geschehen, und zwar an einem Ort, wo sie ohne diese menschliche Begegnung und allein durch die Anwendung von so­matischen Mitteln kaum zu erwarten gewesen wäre.

Es geht Elrod aber nicht darum, eine bestimmte Situation, in der sich der Kranke nach einigen Monaten oder Jahren Psychotherapie befindet, an gewissen objektiven, allgemein nachprüfbaren Merkmalen zu be­schreiben, diese Merkmale durch Vergleichen mit andern Fällen als cha­rakteristische Zeichen der Besserung zu erforschen, sein Anliegen ist vielmehr, das auszusagen, wie eine Situation, in der sich der Kranke und sein Psychotherapeut nach vielen Monaten Psychotherapie befinden, von beiden erlebt wird, die daran teilnehmen. Dass diese beiden freilich nicht die einzigen Teilnehmer an der Situation der Geisteskrankheit sind, und dass eine solche Situation erst in der Auseinandersetzung mit der übrigen Mitwelt voll ausgetragen und erkannt werden kann, diese Einsicht geht durch die ganze Arbeit und lässt sie zu einem wertvollen Beitrag zur So­ziologie der Schizophrenie werden. Nicht nur die innere Situation des Kranken, sondern auch die vielen Reaktionen der Mitmenschen auf seine Psychose werden berücksichtigt. Von diesem Ort aus gelangt der Autor zu einem volleren Verständnis der Psychose. Wir finden eine umfangrei­che und sorgfältige Besprechung der vielen Sitzungen, in denen sich die Begegnungen zwischen dem Kranken und dem Therapeuten, zwischen dem Kranken und den andern Mitmenschen, zwischen dem Therapeuten und seiner klinischen Umwelt gestalten. Solche ausführlichen Darstellun­gen sind in der Literatur recht selten. Sie sind aber wichtig, weil sie die therapeutische Entwicklung in vielen lehrreichen Einzelheiten verfolgen lassen und somit neue Grundlagen für künftige Arbeiten legen. Dabei er­freut uns die feinfühlige und kritisch durchgeführte Gegenüberstellung der Gesichtspunkte, unter denen die Situation des Kranken und seine Ent­wicklung der Psychotherapie von verschiedenen an dieser Situation be­teiligten Menschen verstanden und eingeschätzt wurde.

Die Frage nach dem Wesen der Besserung wird in der psychothera­peutischen Begegnung erfahren und beantwortet. Es wird gezeigt, wie sich in kranken Verhaltensweisen und Symptomen, die auf der einen Sei­te als Verschärfung der Krankheitsdynamik angesehen werden mussten, Aspekte und Situationen verbargen, die im Hinblick auf die innere Le­bensentfaltung des Patienten als sinnvoll zu bewerten waren (zum Bei­spiel konnte im Verwirrtheitszustand eine Ablösung des Kranken von seiner bisherigen Scheinordnung und dünnen sozialen Anpassung erfah­ren werden; durch das Chaotische hindurch setzte eine Bewegung zu ei­ner adäquateren inneren Ordnung ein). In diesem Lichte erscheinen Un­tersuchungen, die zum vornherein auf ein festgelegtes Ziel hinausgehen (zum Beispiel Feststellung von allfälligen Symptomen), unzureichend, um wesentliche Seiten der Existenz des Kranken wahrzunehmen. Wie dies wahrgenommen wird, wie diese Existenz eines Menschen, der sein Leben lang «von einer Dürre in die andere» geraten und schliesslich in einer chronischen jahrelangen Psychose gefangen war, in einfühlsamem mit­menschlichem Gespräch neu geschieht, wie Äusserungen eines Kranken, die sonst unbeantwortet blieben und die (als das Wahnhafte, das Bizarre, das vielleicht ganz Unverständliche) zu einer isolierenden Mauer gewor­den wären, hier in der Psychotherapie zum Mittel der Kommunikation und zum erfahrenen Bestand der sich selbst im Dialog verständlich wer­denden Persönlichkeit wurden; diese Phänomenologie der Besserung, deren Reichweite erst in der innigen Zuwendung zum Kranken erfahren werden kann, wird uns hier eindrucksvoll gezeigt. Die sorgfältige und liebevolle Art, wie Elrod selbst die kleineren Details in der Sprache sei­nes Patienten berücksichtigt, diese in einem Zusammenhang mit seinem Leben erblickt und dialogisch verwertet, die Art, wie er von den kleinen Einzelheiten des Alltages des Kranken ausgehend zu dem ganzen Ernst seines menschlichen Lebens kommt, hat an sich etwas Ergreifendes. Hier zeigt sich jenes Offenwerden auf das Dasein eines kranken Menschen, das die Grenzen des Wissenschaftlichen schliesslich überschreitet und wesenhafte Möglichkeiten des liebenden Miteinanderseins in der Welt sichtbar werden lässt.